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Nacht über Wattenscheid

Der Schrecken kehrt zurück

30.10.2009 | 14:01 Uhr
Der Schrecken kehrt zurück

Zittern am ganzen Körper! Ein Bomber zum Greifen nahe! Das Foto des Bruders! „Nacht über Wattenscheid”, die jüngst erschienene Chronik des Krieges in unserer Stadt, berührt die Leser tief.

Arztfrau Ruth Meier (79), die ihre Kindheit in Wattenscheid verbrachte und jetzt im Schwarzwald lebt, musste die Lektüre des Buches immer wieder unterbrechen – so aufgewühlt war sie: „Alles war plötzlich wieder da. Die Feuer am Himmel, das Heulen der Bomben. Ich zitterte am ganzen Körper.” Das Haus an der Parkstraße, in dem ihre Familie wohnte, erhielt 1943 einen Bombentreffer. Zum Glück kamen alle heil davon.

,Ideal als Material für den Schul-Unterricht'

„Es war höchste Zeit, dass dieses Kapitel Stadtgeschichte veröffentlicht wurde”, sagt Franz-Werner Bröker (85). „Es ist ein wichtiges Zeitdokument, ideal auch als Material für den Schulunterricht.” Der ehemalige Realschuldirektor und Autor zahlreicher Schriften des Heimat- und Bürgervereins ist von Aufmachung und Aufbereitung des Buches begeistert: „Es weckt sofort Emotionen. Bei mir wurden frühe Erinnerungen an die Kriegszeit wach. Es war die Zeit vor meiner Einberufung 1942. Wir Kinder waren damals fasziniert von den ,Geisterfingern' am Abendhimmel. Wir pilgerten zu den Bombentrichtern und sammelten Granatsplitter. Der Ernst der Lage war uns damals gar nicht klar.”

Resolute Mutter löschte die Flammen mit Sand

Dramatisch wurde es, als die ersten Brandbomben das Elternhaus des 85-Jährigen an der Fritz-Reuter-Straße trafen. Während Vater und Sohn auf dem Dachboden löschten, war Mutter Bröker in der Küche gefordert: Eine Brandbombe hatte die Holzdecke durchschlagen und sich im Küchenschrank entzündet. „Resolut wie meine Mutter war, rief sie nicht nach den Männern, sondern erstickte die Flammen eigenhändig mit Sand. Der befand sich in Säcken, die zur Luftschutzausrüstung eines jeden Hauses gehörten.”

,Fliegende Festung war zum Greifen nah'

Erinnerungen weckte das Buch auch bei Dr. Friedhelm Samolak (84). Der frühere Studiendirektor des Jungengymnasiums berichtet von einem unheimlichen Erlebnis: „Frühjahr 1943. Wir wohnten im benachbarten Ückendorf am Rhein-Elbe-Park. Ein schwerer Luftangriff tobte stundenlang über dem Ruhrgebiet. Als es etwas ruhiger wurde, trauten sich mein Vater und ich aus dem Keller, um nach eventuellen Schäden zu sehen. Plötzlich vernahmen wir ein ohrenbetäubendes Geräusch. Starr vor Schreck sahen wir eine alliierte ,Fliegende Festung' zum Greifen nahe über unserem Haus – ein viermotoriger Bomber. Er war angeschossen und flog in Richtung Wattenscheid. Schreckensbleich stürzten wir wieder in den Luftschutzkeller. Heute, nach rund 68 Jahren, erfahre ich nun aus dem Tagebuch von Albert Plassmann unter dem 13. 3. 1943, dass die Maschine in Sevinghausen abstürzte und in Flammen aufging. Alle zehn Besatzungsmitglieder der Maschine fanden damals den Tod.”

Als in den 70er Jahren die Berliner Straße gebaut wurde, berichtete die WAZ Wattenscheid über den Fund von Flugzeugteilen und Fallschirmen in Höhe der Sevinghauser Kirche.

Bruder Karl in der Flakstellung erkannt

Erkannte seinen älteren Bruder Karl in der Flakstellung: Jürgen Zumbro

Jürgen Zumbro vom Stadtgartenring hat auf dem Foto der Flak-Stellung Westenfeld seinen älteren Bruder Karl entdeckt. Der war gleich nach dem Notabitur zur Flak eingezogen worden. Später geriet er in englische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg machte sich Karl Zumbro einen Namen als Schriftsteller. Er verfasste Serienromane für die „Hörzu” und schrieb mehrere Bücher. Sein Roman „Eis auf dem Gipfel des Berges” wurde ein Bestseller. Karl Zumbro starb 2001 mit 71 Jahren.

Hartmut Schürbusch und Alfred Winter

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2009-10-30 14:01
Wattenscheid