„Bis minus zehn geht es irgendwie“

Um obdachlose Menschen vor dem Kältetod zu bewahren, leisten Johanniter bereits seit Tagen Hilfe, verteilen heiße Suppe, warme Getränke, Decken und Winterkleidung.
Um obdachlose Menschen vor dem Kältetod zu bewahren, leisten Johanniter bereits seit Tagen Hilfe, verteilen heiße Suppe, warme Getränke, Decken und Winterkleidung.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Frostige Wetterlage bleibt für Obdachlose kritisch. Kapazitäten der Wattenscheider Hilfsangebote sind gut ausgelastet.

Wattenscheid..  Erfroren ist dieses Jahr noch keiner. Man geht recht souverän mit der Kälte um, stellt sich ein oder bleibt daheim und trinkt Tee. Ein viel heißeres Thema ist dagegen der Frost für jene, denen keine Wohnungstür offen steht. „Für die nächsten Tage sind bis minus neun Grad angesagt“, sagt Ralf Wette, Johanniter und zuständig für die drei Bochumer „Kältebusse“. Geplant ist, dass sie in den nächsten drei Nächten wieder ausrücken.

„Wir sind 15 Ehrenamtliche in ganz Bochum, es wäre gut, wären wir doppelt so viele“, fasst Wette zusammen. „Spätestens ab minus sieben Grad fahren wir raus. Wir hören von den Wohnungslosen oft: Bis minus zehn geht es irgendwie, draußen zu übernachten. Aber auch bei minus sieben kann Lebensgefahr bestehen.“

Letzte Woche waren die Kleinbusse an fünf Nächten draußen, um Wohnungslosen, etwa in der Wattenscheider Innenstadt, heißes Essen, Decken und Kleidung und auch Gehör zu schenken. Viele Frierende wüssten erst mal gar nicht, wie ihnen geschieht, sagt Wette. Die Leute sich im Bus aufwärmen zu lassen, wie in anderen Städten, ist eigentlich nicht Teil des Angebots. „Doch notfalls ist es möglich. Unsere Fahrzeuge haben Standheizung.“

Die Johanniter fahren Hilfsbedürftige, wenn nötig, auch in Notunterkünfte. Das geschehe aber praktisch nie, sagt Wette. Und dass jemand ernsthaft zu Schaden gekommen sei, sei ihm aus seinem Einflussbereich in jüngster Zeit auch nicht zu Ohren gekommen.

Ähnlich äußert sich Arno Mücke, Leiter der hiesigen Notschlafstelle; doch auch er sieht die Wetterlage als angespannt: „Wir sind im Moment voll ausgelastet. Wenn jetzt jemand käme, hätten wir gerade noch eine Not-Matratze.“

„Es wäre gut, wären wir doppelt so viele“

Kapazität der Notschlafstelle ausgeschöpft

Auch vom Standort-Aus betroffen: X-Vision

Die Wattenscheider Notunterkunft steht nach wie vor aus Haushaltssicherungsgründen auf der Kippe. Ihr Etat wurde halbiert; das Gebäude in der Swidbertstraße ist so baufällig, dass es noch dieses Jahr geräumt werden muss.

Es gibt Gespräche zwischen dem diakonischen Träger und der hiesigen Sozialdezernentin; die betreffen aber wohl v. a. den Betreuten Mittagstisch. „Es sieht aktuell so aus, als würde der in diesem Jahr in die Sommerdellenstraße wechseln“, sagt Leiter Arno Mücke.

Wohin die Notschlafstelle ausweichen könnte, bleibt ungeklärt. Es wird immer wieder vorgeschlagen, sie mit der Unterkunft nahe dem Bochumer Stadion zusammenzulegen – was Wattenscheider Wohnungslose jedoch vor eine tägliche An- und Abreise von insgesamt 20 Kilometern stellen würde.