Bewegend und bedächtig
24.11.2011 | 18:00 Uhr 2011-11-24T18:00:00+0100
Wattenscheid. „Wie wollen wir sterben?“ Mit dieser Frage muss sich jeder irgendwann befassen. Entsprechend gut besucht zeigte sich die Friedenskirche am Mittwochabend im Rahmen der Talkreihe „Gott und die Welt“.
Mit den Gesprächsteilnehmern Dr. Michael de Ridder, Prof. Ruth Rissing-van Saan, Prof. Michael Zenz und Moderator Hartwig Burgdörfer hatten die Organisatoren eine Expertenrunde zu Gast, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln ergreifen und vermitteln konnte.
Noch vor dem ersten Wortwechsel unterstrich die Sopranistin Natalie Mol, begleitet von Elena Iartseva am Klavier, mit ihrer mitfühlenden Interpretation der „Antiphon über den Tod“, welch bewegende, vielschichtige Inhalte auf das Plenum zukommen sollten. Entsprechend bedächtig, im gedämpften Licht des evangelischen Gotteshauses an der Hochstraße, zeigte sich dann auch zunächst die Stimmung, die Burgdörfer auffing und dazu aufrief, in sich zu kehren und eine Minute darüber nachzudenken, welches Sterben sich jeder Einzelne erträume - ohne die Antwort negativ zu formulieren.
„Im Rahmen meiner Tätigkeit musste ich mich zunächst dienstlich mit diesem Thema auseinandersetzen, jetzt lässt mich diese Fragestellung nicht mehr los. Ich erträume mir zunächst, selbstbestimmt zu leben und möchte danach ohne Angst und Schmerzen sterben. Das Sterben bewusst zu erleben, ist mir wichtig“, formulierte Ruth Rissing-van Saan ihre Gefühle. Sie war bis Januar 2011 Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof. Während dieser Zeit entschied der BGH in Karlsruhe, dass der Abbruch lebenserhaltender Behandlungen künftig nicht mehr strafbar ist, wenn ein Patient dies in einer Verfügung vorab festgelegt hat.
Doch genau an der von ihr beschriebenen Selbstbestimmtheit des Todes entwickelte sich innerhalb des Gespräches der zu erwartende Konflikt. Michael de Ridder erregt seit längerem Aufsehen mit seiner Überzeugung, dass in besonders gravierenden Fällen, in denen die Behandlung in der letzten Lebensphase eines Menschen an Grenzen stößt, auch die Möglichkeit der ärztlich assistierten Suizidhilfe nicht ausgeschlossen werden sollte: „Tötung bedeutet die Vernichtung einer Persönlichkeit. Aber was ist der Inhalt einer Tötung? Wenn der Patient sich in einer so großen Versehrtheit befindet und der Arzt Beihilfe leistet, vernichtet dieser keine Persönlichkeit.“
Für Zenz kein Argument: „Solch eine Entscheidung kann erst einmal nicht die individuelle eines einzigen Arztes sein. Ich kenne auch keinen Palliativmediziner, der so denkt. Über 90 Prozent aller Suizide sind auf Depressionen zurückzuführen, die gilt es zunächst zu behandeln“, erklärte der Begründer der Palliativstation im Bergmannsheil.
Eine Kontroverse auf theologisch-philosophischer, medizinischer und juristischer Ebene, die gleichzeitig jeder für sich selbst beantworten muss. So hatten sich auch Jugendliche des Klaus-Steilmann-Berufskollegs im Vorfeld und innerhalb des Unterrichts auf den Abend über „Gott und die Welt“ vorbereitet und konnten im zweiten Teil der Runde Fragen stellen. Ebenso wie die weiteren Besucher, die zum Schluss noch einmal den Gesang von Natalie Mol hören konnten und vielleicht nachdenklicher nach Hause gegangen sind, als sie es zuvor schon waren.
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