Wirtschaftskrise wirkt sich nicht in Form von mehr Gewalt an Schulen aus : "Zugespitzt und hypothetisch"
Sorgt die Wirtschaftskrise für tiefe soziale Verwerfungen in den Klassenzimmern und letztlich für mehr Gewalt an Schulen? Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Andreas Meyer-Lauber, hatte erklärt, vor allem an den Schulen den Ruhrgebiets herrsche Gewalt.
Mit einem spontanen „Nein” reagiert Martin Ruch auf die Frage, ob sich die Krise in dieser Form auf das Schulleben auswirke. Der Leiter der Realschule Höntrop bezeichnet die Aussagen des GEW-Vorsitzenden als „sehr zugespitzt und hypothetisch” und warnt: „Man muss sorgfältig darauf achten, dass man nicht etwas herbei redet, was gar nicht da ist.”
Man wird lernen müssen zurückzuschalten
Mehr Hartz IV- und Sozialhilfeempfänger unter den Eltern registriert Martin Ruch seit fünf Jahren, aber das müsse sich nicht zwangsläufig auf das Schulklima auswirken: „Es hat etwas mit der Erziehung zu Hause und Aufklärung an den Schulen zu tun, ob man für seinen Lebensstandard ein bestimmtes Level wie beispielweise Markenklamotten braucht”, sagt er. „Man wird lernen müssen zurückzuschalten – aber ich habe hier noch nicht ein einziges Mal gemerkt, nicht einmal ansatzweise, dass Schüler mit Gewalt oder Mobbing reagieren.”
„Die Krise hat auch unsere Schüler erreicht”, glaubt hingegen Alfred Pieper-Eiselen, stellvertretender Schulleiter der Märkischen Schule. Die Zahl der Anträge auf finanzielle Unterstützung für Klassenfahrten habe auch am Gymnasium zugenommen. Aber: „Konkret nehmen wir keine Veränderungen im Schulklima wahr.” Bei Zwischenfällen werde frühzeitig interveniert: „Egal, ob es sich um Prügeleien handelt, man den Eindruck einer Mobbing-Situation hat oder es Hinweise auf Ausgrenzung gibt.” Pieper-Eiselen sieht im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise eher eine andere Gefahr: „Stress oder Sorgen im Elternhaus können sich auf die Leistungen der Schüler auswirken. Jedenfalls am Gymnasium – an Hauptschulen sieht das vielleicht schon anders aus.”
Das Niveau ist schon ein wenig gesunken
Schülersprecher Lars Steilmann sieht hingegen „verschärfte Disparitäten” unter den Schülern der Märkischen. Das zeige sich beispielsweise an der Kleidung. Auch das Mobbing untereinander sei härter geworden: „Das merkt man an der Ausdrucksweise, da ist das Niveau schon ein wenig gesunken.” Tiefe soziale Verwerfungen in den Klassenzimmern, wie der GEW-Vorsitzende sie prognostiziert, kann der Schülersprecher aber nicht erkennen: „Zumindest nicht an dieser Schule.”
Sichtlich verärgert reagiert Ute Herbstreit auf die Aussagen des GEW-Landesvorsitzenden. „Schüler haben es in der heutigen komplizierten Welt nicht leicht”, sagt die Leiterin der Hauptschule Mitte, „da kann man doch nicht noch einen draufsetzen und sagen, da ist Hopfen und Malz verloren!” Gewalt und Mobbing habe es auch vor 20 Jahren schon gegeben, „aber dass sich das durch die Wirtschaftskrise verschärft, glaube ich nicht”.
Im Zusammenhang mit der Krise sieht Ute Herbstreit konkret ein ganz anderes Problem: „Im letzten Jahr haben dreißig Prozent unserer Schüler einen Ausbildungsplatz bekommen. Ich befürchte, dass es in diesem Jahr deutlich weniger sein werden. Meine reale Sorge ist, dass unsere Jugendlichen wegen der wirtschaftlichen Situation im Berufsleben nicht so richtig Fuß fassen können.”



