Das aktuelle Wetter Warstein 1°C
Gesundheit

Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr

11.03.2013 | 17:23 Uhr
Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr
Laut DAK-Gesundheitsreport haben sich die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten zwischen 1997 und 2012 um 165 Prozent erhöht. Foto: dapd

Warstein.   Krankschreibungen wegen psychischer Leiden nehmen zu. Die Ursachen sind vielfältig. Den einen stresst das steigende Tempo, anderen fehlt Struktur. Ein Gespräch mit dem Leiter der LWL-Kliniken in Warstein und Lippstadt.

Entwickeln wir uns zu einem Volk von psychisch Kranken? Ist der Wahnsinn bald normal? Die Statistik scheint das anzudeuten: Laut DAK-Gesundheitsreport haben sich die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten zwischen 1997 und 2012 um 165 Prozent erhöht. Aber das könnte drei mögliche Ursachen haben. Erstens: Die Menschen haben sich verändert. Zweitens: Patienten und Ärzte schauen genauer hin. Drittens: Die Kriterien ändern sich – was heute noch als harmlos gilt, wird morgen als seelische Erkrankung behandelt. Und was gilt nun?

Die Frage geht an Dr. Josef Leßmann, seit 27 Jahren in der Psychiatrie tätig, im 18. Jahr Leiter der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, häufig als Gutachter vor Gericht gefragt. Aber wie das bei wirklichen Experten häufig so ist: Die Antwort fällt nicht völlig eindeutig aus. Leßmann sieht mehrere parallele Entwicklungen. Positiv: Psychische Probleme zu haben, sei kein Tabu mehr. Haus- und Fachärzte diagnostizierten offener – die seelischen Ursachen der Rücken- oder Magenprobleme würden besser erkannt.

Nicht jede Befindlichkeitsstörung ist gleich eine Krankheit

Schädlich dagegen ist für Leßmann die Tendenz, auch dort psychische Krankheiten zu diagnostizieren, wo lediglich ein Unwohlsein vorliege: „Nicht jede Befindlichkeitsstörung ist gleich eine Krankheit.“ Aber die Diagnose biete Vorteile für die Beteiligten: „Das entlastet den Arzt, der etwas Diffuses griffig packen möchte, und den Patienten, der die Verantwortung für sich selbst abgeben und sich fallenlassen kann.“ Wer aber sein Verhalten nicht ändere, keine Initiative ergreife, nicht selbst aktiv werde, könne nicht gesunden: „Das führt zum Verharren im gemütlichen Elend.“

Lesen Sie auch:
Schnelle Hilfe bei psychischen Erkrankungen

Das Zentrum für Arbeitsmedizin Iserlohn und das Psychologische Beratungszentrum Iserlohn schließen sich zusammen, um eine Lücke in der medizinischen...

Mit noch mehr Sorge betrachtet Leßmann aber gesellschaftliche Entwicklungen, die eine zunehmende Zahl vor allem junger Menschen in Existenzkrisen, Kliniken und Therapien treibt. Entgegengesetzte Typen mit überraschend ähnlichen Symptomen. Der 56-jährige Psychiater konstatiert eine „Polarisierung des Lebens“. Auf der einen Seite: Fülle. Die Leistungsbereiten. Immer mittendrin, möglichst oben, immer sichtbar. Das Tempo steigt, die Verdichtung (von Arbeit und Beziehungen) nimmt zu, Flexibilität ist selbstverständlich, Instabilität die Folge. „Aber wie lange halten wir das aus?“, fragt Leßmann. Diese ständige Verfügbarkeit und Erreichbarkeit, diese Informations- und Kommunikationsflut? Wohl kein ganzes Arbeitsleben. Weil wir dafür nicht eingerichtet sind. Leßmann: „Die Evolution hat nicht genügend Zeit gehabt, Anpassungsschritte zu selektieren.“

Junge Menschen haben zu wenig Struktur

Das gilt auch für den Zustand, den der Arzt der Fülle gegenüberstellt: die Leere. Die Minderleister. Mit den Stichworten Sinnleere, Perspektivlosigkeit, Entscheidungsschwäche, Selbstwertprobleme, Verunsicherung und Angst, Vereinsamung, Identitätsstörungen, Sehnsucht nach Ablenkung und Gemeinschaft, die zur intensiven Nutzung sozialer Medien führt. „Junge Menschen verwahrlosen, brauchen vermehrt gesetzliche Betreuung“, beobachtet Leßmann. Und die Ursachen? „Sie haben zu wenig Struktur gelernt. Ihnen fehlen Zuverlässigkeit und Geborgenheit, Vorbilder für Verantwortungsbewusstsein. Sie haben Probleme mit Respekt und Leistungsbereitschaft.“ Eltern und Lehrer scheuten vor Konsequenz und Konfrontation zurück, delegierten Probleme an Ergotherapeuten oder andere Experten.

Lesen Sie auch:
Ein Burnout ist selten direkt behandlungsbedürftig

Immer mehr Arbeitnehmer werden wegen psychischer Leiden krankgeschrieben. Die Verbreitung von Burnout sei kein Massenphänomen und werde überschätzt,...

Aber die Gereiztheit und die Erschöpfung, die emotionale Instabilität, die geringe Beziehungsfähigkeit, die erlebt Leßmann bei beiden Gruppen: „Es sind unterschiedliche Hamsterräder, aber ähnliche Effekte.“ Es handelt sich ja auch um ähnliche Grunderfahrungen: „Es gibt keine Ruhephasen, alles wird hinterfragt und ist fragil – die Familie wie das Berufsleben.“ Die Überforderung mit Reizen und durch Geschwindigkeit - ist sie zwangsläufig? Veränderbar? Josef J. Leßmann, der täglich die Ergebnisse dieser Entwicklung sieht, zwingt sich zum Optimismus: „Wir müssen das thematisieren. Es kann so nicht weitergehen.“

Harald Ries

Kommentare
12.03.2013
23:21
Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr
von Juelicher | #2

Es gibt sicherlich drei Hauptfaktoren für die Zunahme der psychischen Erkrankungen:
Die Menschen haben sich durch andere Lebensweisen, mehr Bildung etc. verändert, sind sensibler und damit auch empfänglicher für diese Erkrankungen geworden.
Berufliche u. gesellschaftliche Bedingungen haben sich geändert, Anforderungen, Reize sind massiv gewachsen, in den Jahrzehnten nach dem Krieg gewachsene Sicherheiten sind verloren gegangen.
Drittens gibt es sicherlich seit einiger Zeit eine gewisse Psychologisierung der Gesellschaft, die frühere Tabuisierung dieser Erkrankungen hat stark abgenommen, es gibt einen Psychomarkt u. in der Folge auch einen Hang zur Überdiagnose.

12.03.2013
19:00
Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr
von Ruhrius | #1

Die Grenze zwischen psychischer Erkrankung und Simulation ist leider nicht immer leicht zu ziehen. Sicher leiden viele, aber manch einer nutzt das aus um sich der Arbeit zu entziehen - zu Lasten seiner Kollegen. Und mancher Psychotherapeut hat auch finanziell wenig Anreiz zur "schnellen Heilung." :(

Funktionen
Aus dem Ressort
Harte Zeiten für Warsteins Autofahrer
Legionellen
In gut dreieinhalb Wochen beginnt das, was Stadtwerke-Ingenieur Jawad Kayed bereits vor einem halben Jahr als „alles andere als Alltag“ bezeichnete.
Kein Standard-Verfahren für die Sanierung von Warsteins Straßen
Straßenbau
Eine Siedlergemeinschaft forderte die Stadt auf, bei Straßensanierungen nur noch die Deckschicht auszutauschen. Dem kam der Bauausschuss aber nur in...
Kinder früh fürs Buch begeistern
Bildung
Auch im zweiten Jahr ist die Stadtbücherei in Stütings Mühle wieder am Projekt „Lesestart“ beteiligt. Aber etwas hat sich doch geändert.
Zehn Eingangsklassen für die i-Dötzchen
Schule
Im Sommer wird es im Stadtgebiet Warstein zehn Eingangsklassen geben. Denn die Zahl der i-Dötzchen ist gestiegen.
Brauereien sauer über Verlegung der WM in den Winter
Fußball-WM
Die südwestfälischen Unternehmen Krombacher, Veltins und Warsteiner bedauern die Entscheidung für Katar - und sehen Konflikte auf Weihnachtsmärkten.
Fotos und Videos
Rosenmontagszug in Belecke
Bildgalerie
Rosenmontag
Rosenmontagszug in Warstein
Bildgalerie
Karneval
Krimi-Nacht der MüSiWa
Bildgalerie
Prunksitzung
Kappensitzung Hirschberg
Bildgalerie
Karneval
article
7711019
Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr
Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/warstein/zwischen-fuelle-und-leere-id7711019.html
2013-03-11 17:23
Gesundheit,Burnout-Syndrom,Leere,Einsamkeit,Psyche,Krankheiten,Krankschreibungen,Soziale Netzwerke
Warstein