Vor närrischem Vergnügen steht viel Schreibtischarbeit
10.02.2012 | 13:38 Uhr 2012-02-10T13:38:00+0100
Belecke.Was wäre der Belecker Karneval ohne den Rosenmontagszug? Es ist schließlich der größte weit und breit. Damit alles gut über die Bühne geht, muss viel organisiert werden. Das geschieht im Hintergrund.
An Aschermittwoch ist alles vorbei. Aber der Beginn? Der ist für Martin Peters, Siegfried Schenuit, Joseph Friederizi und Stefan Sellmann mitnichten am 11. im 11.: Rund ein halbes Jahr vor Rosenmontag beginnen für die Zug-Verantwortlichen der Großen Belecker Karnevalsgesellschaft (GBK) die Vorbereitungen für den langen Zug. Und Martin Peters, im „richtigen“ Leben Architekt, setzt damit eine Bürokratie-Maschinerie in Gang.
Zuständig für die Beantragung ist das Ordnungsamt in Warstein; von dort werden weitere Beteiligte eingeschaltet: Der Kreis, die Polizei, die Feuerwehr, Busunternehmen, das Regierungspräsidium, die Rettungsleitstellen und nicht zuletzt der Brandschutz-Ingenieur des Kreises. „Weil wir ja so viel mit offenem Feuer zu tun haben“, schmunzelt Peters und kann gerade beim letzten Beteiligten den Hintergrund nicht wirklich verstehen.
Närrisch ist das nicht, und auch beim Gespräch mit allen Behörden geht es eher nüchtern zur Sache: Dann steht nämlich das Sicherheitskonzept im Mittelpunkt, das seit dem Loveparade-Unglück in Duisburg einen ganz hohen Stellenwert bekommen hat: Alle Behörden müssen einverstanden sein, „sonst geht alles wieder von vorne los!“, weiß Peters, der die Organisation in diesem Jahr letztmals leitet: „Das hat auch alles geklappt“, den vielen Vorarbeiten sei Dank. So musste man sich beispielsweise um einen Verletzten-Sammelplatz kümmern und sich Gedanken für einen sehr unwahrscheinlichen Fall machen: „Was passiert, wenn gleichzeitig in Warstein, Rüthen und Belecke etwas passiert?“
Das gesamte Konzept umfasst über 60 Seiten: „Selbst der genaue Wortlaut bei Ansagen nach einem Vorfall liegt fest“. Einem Krisenteam muss ein Raum zur Verfügung stehen – mit Internet- und Telefonanschluss. Peters: „Das machen wir bei uns in einer Kneipe, einen anderen Platz haben wir nicht.“
Nun benötigt ein Zug eine „straßenrechtliche Erlaubnis“. Auch wenn der Zugweg sich nicht mehr verändert hat, müssen die Belecker Narren beantragen, wo welche Straße gesperrt wird – und wann. Das ist beispielsweise für den Busbetrieb wichtig: Ehe der Zug von der Altstadt kommend die B55 überquert, muss ein Linienbus abgewartet werden.
Der MHD übernimmt in Belecke die Zugleitung und bekommt als nächstes ein Konzept mit allen Daten. Und es muss überlegt werden, wo Absperrbaken und Verkehrsschilder aufgestellt werden. Die kommen übrigens teilweise aus Anröchte, weil die Warsteiner den Beleckern nicht aushelfen können, weiß Siegfried Schenuit und schickt ein Lob über die Haar: „Der dortige Bauhof kommt uns sehr entgegen.“
Vielleicht liegt es daran, dass aus der Nachbargemeinde zahlreiche Aktive kommen. Denn zu diesem Zeitpunkt trudeln langsam die Anmeldungen ein.
Dann ist da der TÜV: Es gibt zwei Termine in Belecke und Anröchte – ohne das Okay keine Teilnahme. Beim fertigen Wagen wenden dann noch am Freitag vor dem Umzug die Aufbauten abgenommen. Viele beherzigen den Tipp, das Grundgerüst in den folgenden Jahren zu belassen – dann gilt die Genehmigung fünf Jahre.
Wieder kein „Helau!“, wieder nur Schreibtischarbeit: Nun gilt es, die Reihenfolge der Wagen und Fußgruppen festzulegen. Gar nicht so einfach: Eine Fußgruppe oder Musikkapelle hinter einem Wagen mit großen Lautsprechern? „Das ist nicht gut“, weiß Joseph Friederizi. Andererseits sollte der Wechsel zwischen Wagen und Fußgruppen passen – und natürlich möchte ein Verein, wenn einer der Ihren Prinz ist, in dessen Nähe im Zug sein.
Wenn das geklappt hat, darauf ein „Helau!“? Zumindest bei der Prunk- und Galasitzung, denn in der Woche danach, bei der Besprechung mit Ortsvorsteherin Elke Bertling, wird’s wieder nüchterner.
Die Zeit wird eng, die letzte Planung muss gemacht werden: Seit einem Jahr müssen die Zug-Experten mit dem neuen Wilkeplatz zurecht kommen: Nun kann für Wagen nur noch die Umfahrt genutzt werden – und die Bahnhofstraße. Nur Fußgruppen schlängeln sich da hindurch. Konsequenz: Die großen Wagen „müssen zeitgesteuert kommen, da können nicht zwei Wagen aneinander vorbei fahren“, weiß Peters. Und die Reihenfolge im Zug soll sich auch nicht mehr ändern, um den Bewertern (jede teilnehmenden Gruppe bekommt mindestens einen kleinen Preis) und Kommentatoren die Arbeit nicht zu erschweren. Die gewünschte Anfahrtszeit – jeder Viertelstunde ein Wagen – soll am kommenden Mittwoch per E-Mail verschickt werden.
Vor dem „großen Tag“ wird noch einmal die Strecke überprüft. Gibt es einen Rohrbruch? Stören Äste den Zug? Es soll keine unvorhergesehen Vorkommnisse geben, denn „die Besucher und Teilnehmer sollen ihren Spaß haben“. 2010, erinnert sich Peters, gab es große Probleme mit den Schnee-Massen, die aber zum Glück rechtzeitig weggeschafft werden konnten.
Rosenmontag – die Narren rufen „Helau!“ Die Organisatoren sind mitten im Getümmel. Und können – ein wenig – verschnaufen. Peters: „Steht der Zug, dann haben wir das meiste geschafft!“ Nun findet noch die letzte Kontrolle der Zugaufstellung statt. Einen „Stützpunkt“ hat das Orga-Team in der Provinzial-Geschäftsstelle. Dort kann man sich aufwärmen -- „vorglühen“ wie andere, das geht nicht.
Speziell Martin Peters achtet darauf, nüchtern zu bleiben, und zwar bis der letzte Wagen an der Schützenhalle eingetrudelt ist; auch dort bilden sich traditionell Gewusel, „und wir müssen zusehen, dass die Strecke frei wird.“
In der Halle verkünden die Preisrichter ihr Urteil – die Organisatoren habe da im Vorfeld bereits die Urkunden gedruckt und laminiert, das Preisgeld von der Bank geholt.
Zusammengefasst: Hinter der Organisation eines Rosenmontagszuges steckt viel Arbeit. „95 Prozent sehen die Leute nicht, sollen sie auch nicht“, betont Peters. Lohn sind strahlende Gesichter. Siegfried Schenuit: „So lange es den Narren Spaß macht, macht es auch uns Spaß.“
Und ganz ehrlich: „Ein bisschen Spaß muss sein“ – aus diesem Grunde besuchen die Organisatoren die Bauer der großen Zug-Wagen bei ihrer Arbeit. Da steht dann nicht die Pflicht im Mittelpunkt; da wartet dann auch mal ein Bierchen auf die Planer vom Zug. Das haben sie sich auch redlich verdient – „Helau!“
15:56
klar! es handelt sich hier schließlich um deutsche Vereinstümelei. Wer ernsthaft lustig sein will, muss das gut organisieren...