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Unsere Hauptstraße

Veränderungen und Beständigkeit seit fast 120 Jahren

06.09.2014 | 15:00 Uhr
Veränderungen und Beständigkeit seit fast 120 Jahren
Unsere Hauptstraße: Schmitt-NüseFoto: Archiv Schmitt-Nüse

Warstein.   „Eigentlich kenne ich mein Elternhaus nur im ständigem Umbau.“ - Michael Schmitt lacht, als er alte Baupläne und Karten hervorkramt. „Im Grunde wurde immer irgend etwas an diesem Haus verändert.“ Die Papiere, die die erlebnisreiche Geschichte des Hauses dokumentieren, sind Zeugnis einer Familie, deren Geschäft die Hauptstraße schon immer geprägt hat.

Mittendrin, zentral gelegen an dem Aufstieg zum Bruch und dem Abzweig zur Range baute der Bäckermeister Heinrich Walter Ende des 19. Jahrhunderts das Haus an der Hauptstraße 73. „Das muss ungefähr 1885 gewesen sein“, sagt Michael Schmitt, der sich ausführlich mit der Geschichte seines Elternhauses befasst hat, „vorher befand sich auf diesem Grundstück der Bauernhof der Familie Göke, genannt Schäper-Jost.“ Als die Familie Göke ihren Hof verkaufte und an die Steinstraße zog, wurde das alte Fachwerkhaus abgerissen. Das dort erbaute Haus wechselte zehn Jahre später den Besitzer. Michael Schmitt besitzt die Kaufurkunde seiner Urgroßeltern: „Am 1. August 1895 haben Wilhelm und Maria Nüse dieses Haus für 20 000 Reichsmark gekauft.“

Erster Anbau um 1900

Der Bäckermeister Wilhelm Nüse entfernte sich mit diesem Kauf nicht wirklich von seinem Elternhaus; war er doch nebenan, in der Hausstelle des heutigen Dekorationsgeschäfts Grafe, aufgewachsen. Anders seine Frau Maria: Sie stammte aus Oberkirchen bei Schmallenberg. Dort war es auch, wo das Ehepaar erstmals aufeinander traf und sich näher kennenlernte. Nach der Hochzeit 1892 und dem Hauskauf drei Jahre später erweiterte Wilhelm Nüse das Haus erstmals um einen kleinen Anbau nach hinten: Die Backstube wurde gewissermaßen nach hinten „ausgelagert“, ungefähr dort, wo sich heute die Redaktionsräume der Westfalenpost befinden. Dieser Anbau wurde von spätereren Umbauten überbaut.

Dem jungen Ehepaar Nüse waren jedoch nicht viele gemeinsame Jahre beschieden: Wilhelm Nüse starb mit nur 37 Jahren im Jahr 1902 an Magenkrebs. Seine jüngste Tochter, Josefa Hoffmann – jene Heimatschriftstellerin, nach der in Warstein eine Straße benannt ist –, war damals gerade ein halbes Jahr alt; sein einziger Sohn und Nachfolger für die Bäckerei, Wilhelm, zählte ganze neun Jahre. „Das war schlimm: Wer sollte die Bäckerei führen?“, schildert Michael Schmitt die Sorge, mit der sich seine Urgroßmutter plagte. Hilfe kam in Gestalt ihres Bruders Johann Padberg, der ebenfalls Bäckermeister war. Er führte die Bäckerei weiter und lernte den jungen Wilhelm an, bis er ab 1911 das Geschäft selbst führen konnte.

Sohn und Erbe fällt im Krieg

Doch auch mit ihm meinte es das Schicksal nicht gut: Mit nur 22 Jahren fiel Wilhelm Nüse junior im September 1915 an der Westfront in der Champagne. Schlagartig und ohne Vorwarnung befanden sich die Nüses in einer Situation, die viele Familien im Ersten Weltkrieg erlebten: Der einzige Sohn und Erbe war gefallen, die Zukunft der Familie unklar. „Übergangsweise kam dann noch einmal der Bruder meiner Urgroßmutter, Johann Padberg, zurück und führte die Bäckerei“, erzählt Michael Schmitt, „danach waren wechselnde Bäcker im Haus, die natürlich auch verständliche eigene Interessen verfolgten.“ So waren die vier Töchter der verwitweten Maria Nüse mittlerweile im heiratsfähigen Alter – und eine erstrebenswerte Partie für die Bäcker im Haus. Doch keines der Mädchen heiratete einen der wechselnden Bäckermeister. „Vielleicht waren sie alle zu schnöggelig“, schmunzelt Michael Schmitt heute.

Besitzname „Nüse“ bleibt

Die zweitälteste Tochter des Hauses, Elisabeth Nüse, zumindest entschied sich zwar für einen jungen Mann aus einer Bäckerei, dieser jedoch hatte längst einen anderen Berufsweg eingeschlagen: Josef Schmitt stammte zwar aus einer Bäckersfamilie aus Ramsbeck, er hatte sich aber für den Beruf des Kaufmanns entschieden und war Geschäftsführer des Großhandels Küster & Mönig an der Hauptstraße (heute Woolworth). Mit der Hochzeit von Elisabeth Nüse und Josef Schmitt 1922 kam es zu dem heute geläufigen Rufnamen „Schmitt-Nüse“: „Mein Großvater hat mit der Hochzeit die Bäckerei und das Geschäft meiner Großmutter übernommen. Dadurch, dass es ihr Besitz war, kam es zu dem so genannten ‘Besitznamen’ Schmitt-Nüse“, erklärt Michael Schmitt die Herkunft des Namens, den sein Bruder noch heute als Geschäftsnamen führt.

Das junge Ehepaar übernahm den kompletten Laden der Nüses, der mittlerweile nicht nur die Bäckerei beherbergte, sondern längst auch Lebensmittel und „Kolonialwaren“ führte. Als Bäckermeister stellten sie in den 1930er-Jahren Josef Kneer vom Möhnesee ein, der diese Aufgabe auch bis 1959 wahrnahm. 1937 wurde es mal wieder Zeit für einen Umbau: „Mein Großvater hat damals den alten Anbau überbaut und einen größeren hinsetzen lassen, wo die Backstube Platz drin fand“, berichtet Michael Schmitt.

Bäckerei schließt 1959

Der einstige Anbau bildet heute die Redaktionsräume der Westfalenpost. Schon zu dieser Zeit führt das Geschäft Schmitt-Nüse Porzellan; das Büro von Josef Schmitt befindet sich damals mitten im Laden; dort, wo heute der Kassenbereich liegt. „Wir stehen im Prinzip jeden Tag im Büro meines Großvaters“, sagt Christoph-Schmitt Nüse, der den Laden heute führt. 1928 wird sein Vater Willi Schmitt-Nüse geboren; er heiratet 1956 Ruth Iken und übernimmt das Geschäft seines Vaters. 1959 entscheiden sich die beiden, die Bäckerei zu schließen. Der Bäckermeister Josef Kneer baut sich in den damals neuen Baugebieten am Schorenweg eine neue Existenz gegenüber vom Gymnasium auf.

Großer Umbau in den 70ern

1957, 1959, 1961 und 1965 werden die Söhne der Schmitt-Nüses geboren und erleben 1973 den großen Umbau ihres Elternhauses. „Damals kamen die ersten Supermärkte auf, deswegen haben sich meine Eltern entschieden, das Lebensmittelgeschäft aufzugeben“, erinnert sich Michael Schmitt, „danach war es das reine Porzellangeschäft.“ Fünf Jahre später wurde die obere Etage des Hauses ebenfalls umgebaut. Mitte der 80er-Jahre, nach dem Tod von Ruth Schmitt-Nüse, stieg Christoph Schmitt-Nüse in das Geschäft seiner Eltern ein. Er kann sich vor allem an die Zeit erinnern, als seine Eltern die Lebensmittel aus ihrem Laden auch noch zu den Kunden auslieferten: „Da haben wir Jungs uns ‘drum gekebbelt, wer mitfahren darf. Denn auf manchen Touren gab es natürlich etwas abzustauben.“ Sei es die zugesteckte Süßigkeit oder 50 Pfennig – für die Schmitt-Nüse-Brüder lohnte sich das Helfen beim Ausliefern der Waren immer auf die ein oder andere Weise. Christoph Schmitt-Nüse schaut nach fast 120 Jahren Familiengeschichte optimistisch nach vorne – Richtung Umgehungsstraße: „Mein Vater hat immer gesagt: ‘Wenn ich das noch erlebe.’ Er hat es leider nicht erlebt. Aber ich bin Optimist und hoffe einfach, dass ich es noch erleben werde.“

Einspurige Hauptstraße als Wunsch

Wenn er es sich aussuchen könnte, dann würde er eine einspurige verkehrsberuhigte Straße als Hauptstraße bevorzugen. „Verändern wird sich immer etwas; wohin es dann genau geht, werden wir sehen.“ Und mit Veränderungen, das zeigt die Familiengeschichte, kennt man sich im Haus Schmitt-Nüse ja aus.

Anna Gemünd

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2014-09-06 15:00
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