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Kyrill-Wunden sind auch nach fünf Jahren nicht verheilt

17.01.2012 | 17:40 Uhr
Kyrill-Wunden sind auch nach fünf Jahren nicht verheilt
Schilderwald statt Stadtwald. Auf den Höhen des Warsteiner Waldes hat Kyrill besonders heftig getobt.

Warstein.   270 Hektar Wald hat der Orkan vernichtet / Nachhaltigkeit

Von hier oben aus, vom Lörmecke-Turm, kann man die Wunden sehen, die der Orkan Kyrill vor fünf Jahren in den wintergrünen Wald gerissen hat. Wunden, die nicht verheilt sind. Wunden, die wie Mahnmale erscheinen, dass der Mensch die Naturgewalten nicht beherrschen kann. „Die dort drüben hat es noch schlimmer erwischt“, sagt Revierförster Henning Dictus und zeigt mit der Hand in Richtung Meschede, Schmallenberg und Bestwig.

Schüler des Gymnasiums Warstein und der Realschule sowie aus St. Pol haben einen Lehrpfad erstellt, mit dem die Entstehung von Kyrill und seine Folgen erklärt werden.

Den 18. Januar 2007 wird auch Dictus nicht so leicht vergessen. Schließlich haben er und seine „Wald-Männer“ noch heute mit den Folgen zu tun. „Obwohl“, schränkt der Warsteiner ein, „für mich waren die Auswirkungen nicht ganz so überraschend wie vielleicht für einige andere. Ich hatte das 1990 schon einmal erlebt, als die beiden Orkane Wiebke und Vivian über das Land getobt sind. Das war sogar noch deutlich schlimmer.“

Da die Wetterdienste bereits seit Tagen und am 18. Januar ganz besonders vor Orkan „Kyrill“ gewarnt hatten, war Dictus zudem gut vorbereitet: „Wir haben noch bis gegen Mittag gearbeitet, die schweren Maschinen aus dem Wald geholt und in Sicherheit gebracht. Dann haben wir in Ruhe abgewartet.“ Während Kyrill dann vor allem am Abend und in den Nachtstunden mit Urgewalt um die Warsteiner Häuser pfiff, ahnte der Förster schon, dass ihn am nächsten Morgen ein Bild der Verwüstung empfangen würde: „Ich habe gewusst, dass da etwas Großes auf uns zu kommt.“

„Etwas Großes“ lässt sich auch in Zahlen definieren: 270 Hektar Warsteiner Wald hat Kyrill kahl gefegt. Das entspricht einer Fläche von etwa 140 Fußballfeldern. Allein 50 Hektar sind zwischen Hessengraben und der Budeus-Buche komplett umgefallen. Dictus: „Das war die größte Fläche, die es im Stadtwald getroffen hat.“

Dass Kyrill mit seinen brachialen Kräften solch gewaltige Schäden verursachen konnte, lag dabei nicht nur an den Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern, mit denen der Orkan durch die Wälder rauschte, sondern hatte auch noch andere Ursache: Bereits Tage vorher hatte es unvorstellbar viel Regen gegeben. „Allein am 17. Januar, also einen Tag vorher, waren es knapp 50 Liter Regen auf den Quadratmeter“, erinnert sich Dictus. Der Waldboden hatte sich in einen Schwamm verwandelt. Und es gab noch einen Grund für das große „Fichtensterben“: Der Borkenkäfer hatte ihnen zuvor mächtig zugesetzt. „Das war ein ganz entscheidender Faktor. Die meisten Bäume hatten Vorschäden und sind dann wie Domino-Steine umgekippt.“

Mit Schautafeln wird an den 18. Januar 2007 und seine verheerenden Auswirkungen erinnert. Revierförster Henning Dictus weiß nur zu gut um die Schwere des Sturms.

Bereits am Tag 1 nach Kyrill begann für die Warsteiner Forstarbeiter das große Aufräumkommando. Dictus hat zunächst seine guten Kontakte nach Süddeutschland spielen lassen und Mensch und Material aus dem Schwarzwald angefordert.

Doch das sollte längst nicht reichen: Aus Finnland, Polen, Tschechien, Österreich, Slowenien oder Irland rückten in den folgenden Monaten Arbeiter nach Warstein an, um bei den Arbeiten zu helfen. „Die Verständigung war häufig nur mit Händen und Füßen möglich“, schmunzelt Dictus bei der Erinnerung an die spannende Zeit der „Wald-Entrümpelung“, bei der vor allem eines ständig Priorität hatte: „Niemand sollte bei den gefährlichen Arbeiten zu Schaden kommen. Dass uns das auch gelungen ist, darauf können wir stolz sein.“ Zu Recht: Denn die Arbeit zwischen umgestürzten Bäumen und unter Spannung stehenden Ästen ist eine gefährliche Arbeit: 6 tote Waldarbeiter gab es allein in NRW zu beklagen. Dank der vielfältigen Unterstützung waren viele der durch umgefallene Bäume versperrten Straßen bereits nach wenigen Tagen wieder befahrbar.

An mahnende Zeigefinger erinnern diese Reste der gefallenen Riesen.

Knapp 7 Millionen Euro haben Kyrill und seine Folgen die Stadt Warstein gekostet. 1,4 Millionen Euro sind aus verschiedenen Töpfen von Land, Bund und EU geflossen. Allein eine Million neue Bäume sind gepflanzt worden - vorzugsweise Buche (60 Prozent), Eiche (15 Prozent), Douglasie (10 Prozent), Erle (5 Prozent und 10 Prozent verschiedene andere Baumarten wie zum Beispiel Pappel oder Wildkirsche. „Wichtig war uns eine ganz breite Palette verschiedener Baumarten“, erklärt der Förster. „Jeder Baum an seinem Platz.“

Für die Erkenntnis, dass die Fichte angesichts des Klimawandels nicht unbedingt der beste Baum für die hiesige Region ist, hätte es dabei Kyrill nicht gebraucht. Henning Dictus: „Es hat in Warstein bereits 1990 den Ratsbeschluss gegeben, den Wald naturgemäß zu bewirtschaften.“ Kahlschlag sollte es demnach ebenso wenig geben wie Monokulturen. „Im Land hat man damals noch ganz anders gedacht.“

Zeitzeichen
Schadenssumme: 1 Milliarde Euro

Der Orkan Kyrill hat vom 18. auf den 19. Januar 2007 eine Schneise der Verwüstung durch Europa gezogen. Besonders heftig hat er auch im Sauerland getobt und ganze Wälder entwurzelt. Allein in Deutschland wird die Schadenssumme auf 1 Milliarde Euro beziffert. Noch heftiger als Kyrill waren allerdings die Orkane Wiebke, Vivian (beide 1990) und Lothar (1999).

In Warstein waren 2007 270 Hektar Waldfläche betroffen. 7 Millionen Euro wurden zur Beseitigung der Schäden und der Wiederaufforstung eingesetzt. Mit 4,7 Millionen Euro nehmen die Kosten für die Aufarbeitung den größten Posten ein. Um die jungen Pflanzen vor Wildverbiss zu schützen, sind 42 Kilometer Zaun gesetzt worden. Kosten: 400 000 Euro. Zudem wurden 80 000 Pflanzen einzeln geschützt

Kyrill und seine Folgen haben allerdings für den Wald auch positive Effekte: Auf vielen Freiflächen entwickelt sich nun eine andere Art der Natur: Vögel und Insekten finden hier ideale Bedingungen - wie auch Sika- und Rehwild. „Das ist teilweise ein regelrechtes Eldorado für die.“ Weil das Wild optimale Bedingungen vorfindet, haben sich die Bestände in den vergangenen Jahren erhöht, was wiederum zu vermehrten Verbissschäden an jungen Pflanzen führt. Die Abschusspläne werden daher in Warstein konsequent eingehalten.

Trotz aller Anstrengungen ist der Wald für ähnliche Orkan-Attacken wie die von Kyrill immer noch nicht gerüstet, denn der Anteil an Fichten ist nach wie vor viel zu hoch. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Henning Dictus denkt allerdings ohnehin in ganz anderen Zeitfenstern: „Wir müssen uns fragen, welchen Anspruch die Gesellschaft in Zukunft an den Wald stellt und uns darauf vorbereiten.“ Eine wichtige Funktion sei dabei die industrielle Verwertung: „Besonders als Energiespender wird der Wald immer wichtiger.“ Vergleichsweise schnell wachsende Bäume wie Pappeln, die zu Hackschnitzeln verarbeitet werden, sind dabei ein erster Ansatz.

Hans-Albert Limbrock

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