„Friedrich Spee ist wie ein antiker Julian Assange“
07.12.2011 | 16:42 Uhr 2011-12-07T16:42:00+0100
Rüthen. „Ich glaube, wenn er heute leben würde, dann käme ich ganz gut mit ihm klar.“ Dieser ungewöhnliche Satz über Friedrich Spee stammt von Johanna Heppe. Und sie kann es beurteilen. Fast ein halbes Jahr lang hat sich die Schülerin mit dem Namensgeber ihrer Schule auseinandergesetzt und mit ihrer Arbeit am Geschichtswettbewerb teilgenommen. Auf Bundesebene hat ihr das einen dritten Platz eingebracht.
„Ich bin eigentlich gar nicht vernarrt in Geschichte, vor allem nicht in alte Geschichte. Sie kann aber spannend sein, wenn man Parallelen zu heute zieht“, sagt die 19-Jährige nach der Teilnahme an dem Wettbewerb. Begonnen hatte alles mit einem Plakat in der Schule, mit dem Aufruf am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2011 teilzunehmen. Das Thema: „Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte.“ Zudem sollte das Thema Bezug zum persönlichen oder schulischen Umfeld haben.
„Ich habe sofort an Friedrich Spee gedacht“, erinnert sich Johanna, „in der fünften Klasse bekommt man etwas über ihn und seine „Cautio Criminalis“ erzählt. Daran habe ich mich verschwommen erinnert. Dann hat sich das Thema nach und nach entwickelt.“ Zusammen mit ihrem Geschichtslehrer und Tutor Christian Neuhaus hat sie das Thema ständig variiert. Im Mittelpunkt blieb aber immer Spees Schrift gegen Hexenverbrennung.
Skandalschrift und Wikileaks
„Das Problem war, den Skandal herauszuarbeiten. Aus unserer heutigen Sicht ist der Skandal ein anderer als damals. Deswegen zeigt die Arbeit, dass es bei jedem Skandal zwei Perspektiven gibt.“ Zusammen einigten sie sich letztendlich auf diesen Titel: „Friedrich Spees Cautio Criminalis. Ein skandalöser Verstoß gegen geltendes Kirchenrecht oder ein Vorstoß zu modernen Menschenrechten?“
Auf diese Frage hat Johanna Heppe eine Antwort gefunden. „Zwar war die Cautio damals ein Verstoß gegen geltendes Recht und ein Skandal, aber für eine Gesellschaft ist es wichtig, dass Menschen auch mal etwas Verbotenes tun, um Missstände aufzudecken.“
Und schnell war die Parallele zur Gegenwart gezogen: Wikileaks. Friedrich Spee war damals Beichtvater und hat angebliche Hexen auf ihrem letzten Weg zum Scheiterhaufen begleitet. Da sich Friedrich Spee sicher war, dass sie unschuldig waren, hat er Fakten aus den Gesprächen mit ihnen genutzt, um Fehler bei den Hexenprozessen aufzuzeigen. Dabei hat er die Folter als Rechtsmittel in seinem Buch stark kritisiert. „Auch Julian Assange hat Daten veröffentlich, die eigentlich geheim bleiben sollten, um Missstände aufzudecken. Auch das war ein Skandal“, sagt Johanna Heppe. Ihr persönliches Fazit: „Die Schule hat sich einen guten Namensgeber ausgesucht.“
Großer Arbeitsaufwand
Ihre Arbeit steht inzwischen in der Bibliothek des Gymnasiums. In der Friedrich-Spee-Ecke hat sie einen Sonderplatz erhalten. 44 Seiten umfasst Johannas Werk, begonnen mit dem Satz: „Am 25. Februar 1591 wird Friedrich Spee in Kaiserwerth bei Düsseldorf geboren. Als er 1610 in das Trierer Noviziat der Gesellschaft Jesu eintritt, ahnt wohl niemand, für wie viel Aufsehen er einmal sorgen wird.“
Wenn Johanna heute an die intensive Arbeitsphase zurückdenkt, wundert sie sich über sich selbst. „Manchmal frage ich mich wirklich, wie ich das geschafft habe“, sagt die Schülerin lächelnd. Aber die Erklärung ist ganz leicht, sie hatte nicht nur ein spannendes Thema, sondern auch einen guten Plan. Von September bis Dezember war die Recherche-Phase. „Ich habe viel gelesen, Quellen gesucht und in Bibliotheken gestöbert“, erinnert sich die 19-Jährige. Ihre wichtigsten Anlaufstellen waren die Schulbibliothek und die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek in Paderborn. Insgesamt hat sie sich 15 Bücher zusammengesucht, die sich als Grundlage benutzen konnte.
Nach dieser Recherche-Phase folgte ab Dezember die intensive Schreibphase. Vor allem hier war ein Zeitplan wichtig. „Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen, um sich zu motivieren“, hat Johanna festgestellt, „von Weihnachten bis Neujahr habe ich mir Ferien genommen, um Kraft zu tanken, danach habe ich richtig angefangen.“ Angefangen 44 Seiten zu füllen. Einige füllten sich fast von alleine, für andere brauchte sie eine gefühlte Ewigkeit.
Trotz der ganzen Arbeit hat Johanna immer darauf geachtet, in anderen Bereichen keine Abstriche machen zu müssen. „Wenn irgendetwas war, habe ich die Arbeit immer aufgeschoben und eben später nachgeholt. Ich wollte meine Hobbys, Freunde und Familie nicht vernachlässigen. Dann habe ich aber auch sonntags manchmal gesagt: Heute ist Geschichtsarbeitstag.“
Christian Neuhaus ist stolz auf die Leistungen seiner Schülerin. „Es ist eine große Leistung und es ist komplett ihre eigene Leistung“, so der Geschichtslehrer, mit Blick auf seinen eigenen Anteil, „ich hatte relativ wenig Arbeit. Ich hatte mir vorgestellt, ich hätte mehr fordern müssen. Aber es kam nie etwas auf den letzten Drücker. Und Johanna hatte von Anfang an ein sehr hohes, wissenschaftliches Niveau.“
Verdienter Erfolg
Selbst ihre Freunde haben von der Arbeit kaum etwas mitbekommen, dafür hat die 19-Jährige gesorgt: „Meine engsten Freunde fanden es natürlich gut, aber ich habe versucht, sie davon nicht viel merken zu lassen. Und ich habe es nicht an die große Glocke gehängt, vor allem weil ja vielleicht nichts draus geworden wäre.“
Aber diese Sorge war unbegründet. Im Juni erfuhr Johanna von ihrem Sieg auf Landesebene. Allein in NRW waren 361 Beiträge eingereicht worden, gegen die sie sich durchsetzen musste. Vor ungefähr vier Wochen kam dann der Brief mit den Glückwünschen zu einem von 30 dritten Plätzen auf Bundesebene. „Mit diesem Erfolg hatte ich nicht gerechnet. Aber ich war erleichtert. Man möchte ja schon irgendwie eine Art Lohn bekommen, eine Anerkennung für die ganze Arbeit.“
Christian Neuhaus hofft, dass Johannas Erfolg auch für andere Schüler eine Motivation ist, an solch einem Wettbewerb teilzunehmen. Johanna selbst kann es nur empfehlen. „Man braucht allerdings eine Idee“ so die Schülerin. Zusätzlich zu der Ehre, winkt auch ein Preisgeld. Insgesamt 750 Euro hat Johanna für die beiden Siege bekommen. Damit will sie sich nach dem Abi eine Reise nach Südafrika finanzieren. Und danach? Das weiß die 19-Jährige noch nicht genau. Aber bestimmt nicht Geschichte studieren. Das wäre ihr auf Dauer dann doch nicht spannend genug.
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