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Mordfall Ursula Scheiwe

"Ich will wissen, wer es war"

09.09.2009 | 16:21 Uhr

Soest/Arnsberg. Am gestrigen 4. Verhandlungstag vor dem Arnsberger Landgericht wurde einmal mehr deutlich, wie schwierig es im Mordfall Ursula Scheiwe ist, nach 22 Jahren noch verwertbare Aussagen von Zeugen zu bekommen.

Am Tag, als das bis dahin so fröhliche und unbeschwerte Leben des Zeugen aus den Fugen geriet, hatte er noch einmal tüchtig gefeiert: Die 2. Mannschaft von Ostönnen war in die B-Liga aufgestiegen. Eine echte Sensation, wie der inzwischen 49-Jährige, den seine Freunde „Mecki” nannten, gestern im Zeugenstand noch einmal betonte: „Das war eine Ausnahmesituation. Wir haben die ganze Woche gefeiert.”

Feierlichkeiten

 Höhepunkt der Feierlichkeiten war die Aufstiegsfete in einer Scheune, die von dem Zeugen mitorganisiert wurde. Auch seine damalige Verlobte, Ursula Scheiwe, half kräftig hinter der Theke mit. Dass sie gegen 2 Uhr alleine nach Hause ging, während ihr Verlobter noch bei der Party blieb, um in einer Art Nachtwache auf die Anlage aufzupassen, ist einer dieser tragischen Momente, von denen die blutige Mordnacht von Ostönnen begleitet wird.

Tiefer Riss im Dorf

Auch gestern brachte die erneut sehr sensible und hartnäckige Befragung der Zeugen wenig Erhellendes ans Tageslicht. Wohl aber wurde einmal mehr klar, dass der Mord an Ursula Scheiwe immer noch - oder sollte man besser sagen: jetzt wieder - wie ein drohend dunkler Schatten über der vermeintlichen Idylle des beschaulichen Soester Ortsteils Ostönnen liegt. Auch im Gerichtssaal wird der tiefe Riss, der die Dorfgemeinschaft nach den tödlichen Messerstichen gespalten hat, deutlich: Auf der einen Seite sitzen die, die sich nicht vorstellen können (oder wollen), dass der Angeklagte Jörg B. möglicherweise der Scheiwe-Mörder ist. Und auf der anderen Seite sitzen die Freunde des Opfers und der Familie des Opfers, die hoffen, dass ein Urteil endlich den Frieden bringen möge, den sie alle bisher nicht haben erfahren können. Denn stets war die zentrale Frage ein unsichtbarer Begleiter: War es einer aus unserem Dorf? Auch „Mecki” gehörte nach der Tat zum engsten Kreis der Tatverdächtigen.

Tatverdächtiger

„Der Mob ist unbarmherzig.”Der ehemalige Verlobte von Ursula Scheiwe Ungezählte Male ist er von der Polizei befragt worden. „Mich eines Mordes zu beschuldigen, ist das Krasseste, was mir jemals im Leben passiert ist”, sagte er gestern aus. Schließlich habe er „die Ulla” geliebt. Das Aufgebot zur Hochzeit für den 28. Juni 1987 war sogar schon bestellt. Immer wieder hat er sich selbst die Frage gestellt: „Wer war das?”

Keine Antwort

 Eine Antwort darauf hat er bisher nicht bekommen: „Für mich war immer klar, dass das kein Fremder gewesen sein kann. Das kann nur ein Bekannter gewesen sein.” Ein Bekannter wie jener Jörg B., der auch gestern wieder beharrlich schwieg? Man habe nicht viel miteinander zu tun gehabt, hieß es. Schließlich war Jörg B. zum Tatzeitpunkt erst 18 Jahre, während der Zeuge bereits 27 und seine Verlobte 22 Jahre alt waren.

Genugtuung

„Ich möchte auf jeden Fall wissen, wer es war und empfinde eine gewisse Genugtuung, das auf der Anklagebank jetzt jemand sitzt”, äußerte er sich, ohne den Angeklagten anzusehen. Jahrelang habe er selbst mit dem unterschwelligen Vorwurf leben müssen, der Mörder seiner Verlobten zu sein. „Wissen Sie”, sagte er gestern zu Richter Willi Erdmann, „der Mob ist unbarmherzig.”

Weitere Termine

Der Angesprochene kann sich offenbar gut in die Mentalität eines Dorfes hineinversetzen, in dem sich solch ein abscheuliches Verbrechen ereignet hat: „Ein Dorf, in dem so etwas passiert, hat 1000 Ideen, wer der Täter sein kann.” Der Prozess wird das Gericht noch weit über den ursprünglichen Zeitplan hinaus beschäftigen. Gestern wurden weitere fünf zu den bereits angesetzten elf Verhandlungstagen terminiert. Vor Mitte Dezember ist daher nicht mit einem Urteil zu rechnen.

Hans-Albert Limbrock

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