Für die große Liebe
13.02.2012 | 17:57 Uhr 2012-02-13T17:57:00+0100
Allagen.„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, hat Conni Francis 1960 gesungen. Da waren Sigrid Krenzer und Eckhard Grambow gerade Ende 20 und glaubten, die große Liebe bereits gefunden zu haben. Doch das Leben hatte andere Pläne mit ihnen. Seit drei Jahren sind die 78- und der 80-Jährige ein Paar. Die Liebe bleibt eben ein seltsames Spiel.
Sigrid, 1933 in Bischofsburg im ehemaligen Ostpreußen geboren, brachte die große Flucht 1945 nach Deutschland. 1960 heiratete sie ihren ersten Mann Heinrich, bald darauf kam die gemeinsame Tochter zur Welt. 23 Jahre später starb Heinrich, kurz bevor das erste von vier Enkelkindern geboren wurde. Ein schwerer Schlag für die kleine Familie. Lange kam Sigrid nicht über den Tod ihres Mannes hinweg.
Was sie tröstete waren ihre Tochter und die Enkel, der Kegel- und der Strickclub und ganz besonders das Singen im Allagener Kirchenchor.
Über dieses Hobby lernte sie auch Eckhard kennen. Als sie 2002 ins St. Elisabeth Seniorenheim zog, war Eckhard dort schon viele Jahren ehrenamtlich tätig. Nach dem Tod seiner Frau begann er 1995 dort freiwillig und unentgeltlich zu helfen. Er half in der Betreuung aus und hielt die Bewohner fit mit Gedächtnistraining, Gymnastik und Musik.
Er wurde 1931 in Bukow geboren wurde, kam Ende des zweiten Weltkriegs nach Westdeutschland und wohnt bereits seit 1948 in Mülheim.
Beinahe jeden Tag fuhr er von hier aus nach Wamel. Seit 2008 spielt der 80-jährige dort die erste Geige, immer unterstützt von seinem Keyboard. Als Alleinunterhalter, aber auch als Begleitung für den Chor.
„Ich war von Anfang an dabei“, erzählt Sigrid von ihren ersten gemeinsamen Singversuchen und schwelgt in Erinnerungen. Und Eckhard stimmt schmunzelnd zu: „Sie hat gleich mitgemacht und war so ehrgeizig, dass sie mich bat, mit ihr einzeln zu üben“. Sie musizierten nach Chorstunden und Gedächtnisübungen noch gemeinsam in Sigrids Zimmer. Nicht nur zur Freude ihrer damaligen Zimmergenossin. Auch die anderen im Heim, insbesondere die Pfleger, merkten schnell, dass Eckhard und Sigrid immer mehr aufblühten und dass sich zwischen ihnen etwas anbahnte. Sie verbrachten fast jede freie Minute zusammen.
Doch der Anfang war holprig, erinnert sich Eckhard: „Ich habe ihr irgendwann nach einer unserer Übungsstunden das Du angeboten, doch sie wollte noch nicht annehmen“. Sigrid war das zu früh.
Für sie war dieses Du ein Aufheben von Distanz, ein Akt der Vertrautheit – dafür war sie zu schüchtern, es ging ihr zu schnell.
2009 dann die Gelegenheit: Sebastian Koch, ehemaliger Karnevalsprinz aus Allagen, bittet Sigrid, die Rolle der Karnevalsprinzessin im Heim zu übernehmen. Sie stimmt zu, allerdings nur unter der Bedingung, dass Eckhard ihr Prinz würde. „Natürlich hab ich sofort eingewilligt. Danach habe ich dann noch einmal versucht, ihr das Du zu entlocken“. Tiefe Lachfältchen zeigen sich.
Prinzenpaar
Eckhard fand, dass ihre Auftritte als Prinzenpaar in der Seeuferresidenz und beim Seniorenkarneval in Allagen Anlass genug waren, endlich das „Sie“ abzulegen. „Dieses Mal konnte er mich überzeugen“, verrät Sigrid freudestrahlend. Von da an gab es gemeinsame Besuche von Kirchenkonzerten, Fahrten zur Kirmes und zum Weihnachtsmarkt. Sie gingen zusammen Eis und Pizza essen und irgendwann begannen sie, sich hin und wieder zu umarmen.
Gerade nach der langen Zeit alleine war es für sie nicht leicht, sich auf etwas Neues einzulassen. Im Sommer 2009 stellte Sigrid ihren Eckhard dann offiziell der Familie vor. „Ich habe mich direkt wohl gefühlt und richtig gefreut, dass ich so gut aufgenommen worden bin“, erzählt er und lehnt sich entspannt zurück. Und auch Sigrid war begeistert von der Familie ihres neuen Lebensgefährten.
Und eines Tages kam dann der entscheidende Schritt: Nach der Übungsstunde offenbart Eckhard seiner Sigrid: „Ich habe mich in dich verliebt“. „Was ich darauf geantwortet habe weiß ich gar nicht mehr“, gesteht diese lachend, „wahrscheinlich habe ich dich erstmal in den Arm genommen“.
Nachdem das Haus in Wamel im Oktober 2010 plötzlich teilweise abbrannte, bat Eckhard sie, mit ihm nach Bayern zu fahren.
Filmstudenten der Fachhochschule Dortmund verhalfen dem jung gebliebenen Pärchen im Sommer dann zu einem weiteren schönen Erlebnis. Für einen Filmdreh fragte man in mehreren Altenheimen nach Statisten. Im Pflegeheim St. Elisabeth wurde man endlich fündig.
So spielten sie ein Ehepaar im Kurzfilm „Monika“, den sie sich später auch gemeinsam im Dortmunder Kino ansehen durften.
Als wir bei unserem Termin Fotos machen wollen, necken sie sich und erzählen, dass es pures Glück sei, dass sie sich kennengelernt haben.
Später, im „Waffelcafé“, wo Eckhard Musik für alle Gäste macht, gibt es Waffeln mit Pflaumenmus. Sie singt, während er in die Tasten haut. Sie grinst ihn an und sagt: „Ich liebe dich wie Pflaumenmus“.
13:14
"Sigrid, 1933 in Bischofsburg im ehemaligen Ostpreußen geboren, brachte die große Flucht 1945 nach Deutschland...." - Da kommt einem doch prompt die Frage, wo sie vorher war. Die Frage leite ich hiermit an die Redaktion weiter. Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar.
PS: 1933 gab es auch noch kein "ehemaliges" Ostpreußen.
Freundliche Grüße aus Schleswig-Holstein
Bertram Graw