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Eintöniger Alltag in Quarantäne

Aus Pocken-Angst 17 Tage lang eingesperrt
Pocken in Meschede und Warstein im Januar 1970.Foto: WP-Archiv

Am dritten Tag sprach Reinhold Scheef mit der WP-Redaktion. Er lobte die Küche, heißt es in dem Bericht: „Auf dem Magenfahrplan standen gestern Bratfleisch mit Bohnensalat und Kartoffeln. Zum Nachtisch gab es ,wunderbaren’ Himbeerpudding.“ Auch die Bevölkerung nahm Anteil. „Regelmäßig wurde Alkohol da hoch geschickt“, erzählt Winfried Scheef, der in Lippstadt praktizierte, nun aber seinen Bruder in Warstein vertrat.

Trotz der guten Versorgung behielt Reinhold Scheef die Quarantäne nicht in bester Erinnerung. „Wir haben den ganzen Tag Karten gespielt“, beschreibt er den eintönigen Alltag, „wenn ich daran denke, werde ich heute noch verrückt.“

Winfried Scheef hatte in der Zeit mehr zu tun, denn in Warstein lief eine große Impfaktion an. „Die Leute strömten zusammen.“. Tausende wollten sich gegen die Viren schützen, wenngleich die Impfung nicht unumstritten war. Der Impfstoff enthielt einen abgeschwächten Erreger, der Fieber verursachen konnte.

Da die Praxis über der Pankratius-Apotheke gesperrt war, richtete Winfried Scheef Behandlungsräume in seiner Privatwohnung ein. „Bei jedem fieberhaften Zustand musste ich mich komplett verhüllen“, muss Scheef lachen, wenn er an die unförmigen Schutzanzüge denkt, „das war einfach nicht praktikabel.“

Arzt mit kriminalistischem Eifer

In der Quarantäne bekam Reinhold Scheef von der Atmosphäre in Warstein wenig mit. Er ließ sich von „Wreden Anton“, Mitarbeiter Funkes und Schützenoberst, dazu überreden, in Warstein auf den Vogel zu schießen. „Ich habe das auch gemacht, aber daneben geschossen.“

Kurz vor Ende der Quarantäne kam dann ein Patient in Winfried Scheefs Sprechstunde – mit kleinen Blasen an Handrücken und Glied. Ein Abstrich bewies, dass es Pocken waren. „Es schien alles wieder von vorne anzufangen.“ Eine Nebenwirkung der Impfung konnte Scheef zunächst ausschließen, denn der Patient versicherte, nicht geimpft worden zu sein. Scheef wollte nicht an eine Neuinfektion glauben, ermittelte mit kriminalistischem Eifer. „Der Bruder des Mannes ließ sich impfen“, fand er heraus, „und beide haben nach dem Händewaschen dasselbe Handtuch benutzt.“ Auf diesem Weg ist der Erreger übertragen worden, Gefahr bestand nicht.

Dann war der letzte Pockenausbruch Europas ausgestanden. Vier Menschen fielen der Krankheit zum Opfer. „Das hätte ganz anders ausgehen können“, ist Winfried Scheef überzeugt. Wegen der bestehenden Vorbehalte gegen die Impfung seien viele nicht geschützt gewesen. „Wir saßen auf einem Pulverfass.“

Thorsten Streber

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Aus Pocken-Angst 17 Tage lang eingesperrt
Aus Pocken-Angst 17 Tage lang eingesperrt
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2015-01-25 11:00
Warstein