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Serie: Unser Stammtisch

Damit Plattdeutsch als Mundart nicht ausstirbt

25.05.2012 | 18:03 Uhr
Damit Plattdeutsch als Mundart nicht ausstirbt

Sichtigvor. „Und verstanden?“, diesen Satz höre ich von der Plattdeutschen Runde der Kolpingsfamilie in Sichtigvor nur allzu häufig. Einer der wenigen Sätze, die ich überhaupt verstehe. Und ich kann nur jedes Mal den Kopf schütteln und mir dann noch einmal alles auf Hochdeutsch erklären lassen. Für Plattdeutsch bin ich eindeutig zu jung.

„Nue goiert los“, scheint das Stichwort für alle zu sein, um eifrig in den roten Mappen zu blättern, die vor jedem der sieben Anwesenden liegen. Auch ich habe zu Anfang so eine Mappe bekommen. Da ich aber nicht genau weiß, womit es jetzt los geht, klärt Vorsitzender Peter Hillebrand mich auf. Zuerst wird gesungen, zur Begrüßung. Zu finden unter „W“ wie „Willkuemen hui“.

75 Lieder fasst die Mappe, alle mühsam gesucht, teilweise selbst übersetzt und zusammengestellt vom Vorsitzenden Peter Hillebrand. Der stimmt nun kurz die Melodie an. Adelheid Dicke trinkt noch schnell ihr Schnäpschen – „dann klappt es besser“ – lacht herzlich und schon geht es los. „Willkuemen hui in ueser Runne, vanoawend kuiert vui bläoß platt (Willkommen heut’ in unserer Runde, wo wir nur Platt reden).“ Und weiter: „Op platt doa kannst diu oapen kuiern, schmuit mui men alles an `nen Kopp. Hui kannst diu lachen, singen, fuiern; de Tuit vergoiht hui im Galopp.“ (Auf Platt da kannst du offen reden, schmeiß mir mal alles an den Kopf. Hier kannst du lachen, singen, feiern, die Zeit vergeht hier im Galopp.)

Würde ich mehr Platt verstehen, wüsste ich nun, was an dieser Mundart so besonders ist. So aber muss ich es mir noch einmal von meinem Sitznachbarn Josef Ahle erklären lassen. „Plattdeutsch ist eine sehr derbe Sprache. In Platt kann man einiges sagen, was man in Hochdeutsch nicht sagen könnte, weil es dann beleidigend wäre.“ Und schon ist es Zeit für die erste Anekdote von früher. „Unsere Eltern haben mit uns immer nur Platt geredet, wenn sie geschimpft haben“, erzählt Adelheid Dicke und die anderen nicken zustimmend, „deshalb wussten wir Kinder, wenn wir Platt hören, wird es ernst.“

Meine Eltern haben nie mit mir Platt geredet. Trotzdem darf ich mein Können auch unter Beweis stellen. „Kuire Platt“ heißt der Text den Peter Hillebrand extra für mich ausgesucht hat. Mein Herz fängt an, etwas schneller zu klopfen. Wie früher in der Schule.

Ich versuche mich an den ersten Sätzen, die sich für mich wie ein Mix aus Deutsch, Englisch und Holländisch anhören. Es klappt ganz gut. Nur manchmal stolpere ich über Wörter wie „Näut“ oder „Liäwenslagen“. Aber am Ende bekomme ich sogar Applaus.

Danach sind aber zum Glück wieder die anderen dran. Reihum lesen sie kleine Geschichten aus mitgebrachten Büchern vor. Jeder das, was ihm besonders gut gefällt. Jeden zweiten Donnerstag im Monat geht es im Gemeindezentrum Sichtigvor so zu. „Unser Ziel ist es, dass Plattdeutsch als Mundart nicht ausstirbt“, erklärt Josef Ahle. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es die Plattdeutsche Runde der Kolpingfamilie Mülheim-Sichtigvor. Mal engagieren sich mehr Mitglieder für diese Aufgabe, mal weniger. Heute sitzen Agnes Kussmann, Klara Reinhold, Josef Koch, Adelheid Dicke Peter Hillebrand, Josef Ahle und Karl Schulte-Kroll mit mir am Tisch. Sie helfen sich beim Lesen oft gegenseitig und brechen zwischendurch immer wieder in Gelächter aus. „Wir sind ja auch zum Vergnügen hier“, meint Karl Schulte-Kroll und wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

Wenn nicht Platt gelesen wird, höre ich immer wieder diesen Satz: „Weißt du noch früher?“ Mit den meisten Namen, die genannt werden, kann ich nichts anfangen, aber die Geschichten sind trotzdem amüsant. Und die verstehe ich wenigstens. „Wir können drei Sprachen“, sagt Klara Reinhold und lacht zu mir rüber, „Hochdeutsch, Plattdeutsch und über andere Leute.“ Und darin wechseln sie sich auch stetig ab. Gleich nach der Schützenfestanekdote wird wieder gesungen. „Alle Vögel sind schon da“ auf Platt.

Zwischendurch lehne ich mich immer wieder zurück und genieße diese für mich sehr ungewöhnliche Abendveranstaltung. So viel wie heute habe ich selten gelernt. Nicht nur übers Plattdeutsche, sondern auch über Sichtigvor. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass es früher gar keine Leichenhalle gab und die Toten mit einer schwarzen Kutsche direkt von zu Hause abgeholt wurden. „Die Mülheimer mussten damals wegen der steilen Hügel über Sichtigvor zu Grabe getragen werden“, erinnert sich Josef Koch. Oder dass die Mädchen früher, kurz nach dem Krieg, wenn sie mit der Schule fertig waren, oft in größere Städte geschickt wurden, um dort bei anderen Familien im Haushalt zu helfen.

Ich könnte noch stundenlang zuhören. Aber nach fast 90 Minuten läutet Peter Hillebrand mit dem Abschiedslied „Guet Goahn“ das Ende des Abends ein. Beim Refrain singt er selbst den ersten Teil – „Guet Goahn“ – und die anderen antworten darauf mit „Äok säo“. Dann rufen alle zusammen: „Bit en anner Moal“. Hoffentlich.

Von Laura Millmann



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