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Aus Pocken-Angst 17 Tage lang eingesperrt

25.01.2015 | 11:00 Uhr
Aus Pocken-Angst 17 Tage lang eingesperrt
Pocken in Meschede und Warstein im Januar 1970.Foto: WP-Archiv

Warstein.   Dr. Reinhold Scheef behandelte vor 45 Jahren einen der letzten Deutschen, der an Pocken erkrankt war. Daraufhin wird er 17 Tage in eine Quarantäne-Station gesperrt – und fast zum Schützenkönig.

Die Ereignisse, über die Dr. Reinhold Scheef spricht, liegen 45 Jahre zurück. Doch der pensionierte Mediziner kann sich noch genau erinnern, dass es ein Montag war, als Fritz Funke aus Suttrop seine Praxis betrat. „Er kam mit hohem Fieber in die Sprechstunde“, erzählt Scheef, „ich habe ihn untersucht und an der Haut keine Auffälligkeiten festgestellt.“ Drei Tage später stand fest: Fritz Funke hat die Pocken.

Aufgekommen waren die Pocken zuvor in Meschede. Ein 20-Jähriger hatte sich in Pakistan angesteckt, die Krankheit wurde aber nicht direkt erkannt. „Der erste Verdacht fiel auf Typhus“, erinnert sich Reinholds Bruder Winfried Scheef, ebenfalls Arzt, „denn der für Pocken typische Ausschlag kommt erst später.“ So konnte Klein im Walburga-Krankenhaus Patienten, Mitarbeiter und Besucher anstecken – auch Funke?

Reinhold Scheef schöpfte schon am Montag, 26. Januar 1970, Verdacht, doch in der Grippe-Saison war erhöhte Temperatur keine Seltenheit. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht in die Apotheke, sondern direkt nach Hause gehen sollte“, erzählt der Arzt, „er hat aber natürlich trotzdem erst die Medikamente geholt.“

Pusteln auf Händen und Fingern

Beim Hausbesuch zwei Tage später entdeckte Scheef erstmals kleine Pöckchen auf Funkes Haut. „Seine Mutter versicherte, dass er noch keine Windpocken hatte.“ So erschien eine Pocken-Erkrankung weiterhin unwahrscheinlich. Donnerstags traten die Pusteln dann an Händen und Fingern auf, waren nur ein- und nicht mehrkammrig – beides extrem ungewöhnlich für Windpocken. „Da alarmierte ich den Pockenspezialisten Professor Ippen und alles wurde in die Wege geleitet“, erinnert sich der heute 80-Jährige.

Dr. Reinhold Scheef (links) und sein Bruder Dr. Winfried Scheef erinnern sich an den Ausbruch der Pocken in Meschede und Warstein im Januar 1970. Foto: Thorsten Streber

Der Steinbruchunternehmer Funke hatte wenige Tage zuvor seine Schwiegermutter im Mescheder Krankenhaus besucht, aber keinen Kontakt zum isolierten Bernd Klein. „Er muss sich durch den Luftzug infiziert haben“, mutmaßt Scheef. Über die Ausbreitungswege der Pockenviren war damals wenig bekannt, selbst über den Essensaufzug wurden sie im Krankenhaus verteilt.

Funke wurde zur Behandlung nach Wimbern gefahren. Alle, mit denen er seit Ausbruch der Krankheit in Kontakt stand, wurden in Quarantäne gebracht: Verwandte und Mitarbeiter, Dr. Scheef und dessen Angestellte, die Mitarbeiter der Apotheke und alle Patienten, die am gleichen Tag wie Funke in Scheefs Praxis waren – 130 Menschen.

17 Tage lang war Scheef im Erholungsheim der Zeche Viktoria im Bilsteintal untergebracht. „Das war auf kinderreiche Familien der Bergarbeiter ausgelegt“, erinnert er sich, „wir mussten uns das Zimmer zu dritt teilen.“ Vor der Tür patrouillierten Polizisten mit einem Wachhund, dass niemand das Gelände verlässt, andererseits niemand von außen den Bewohnern zu nahe kommt.

In den ersten Tagen war die Stimmung gut. Die Verwaltung schickte täglich fünf Zeitungen in die Quarantäne-Stationen, dazu Bücher und Gesellschaftsspiele. Über ein Telefon war zumindest etwas Kontakt zur Außenwelt möglich.

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2015-01-25 11:00
Warstein