Mädchen sind Leistungsträger, Jungs die Machos

Sie kennen keine Regeln, können sich nicht lange konzentrieren, es fehlt an sozialen Kompetenzen, sie sind in der motorischen Entwicklung nicht weit genug, oder, oder, oder... Die Gründe dafür liegen häufig im Elternhaus. Die Kinder seien nicht erzogen, meint Gustav-Adolf-Schulleiter Günther Schneider. Seit zwei Jahren gibt es deshalb an der Hagemer Grundschule den freiwilligen Schultreff, um Kindergartenkinder fit für den Unterricht zu machen.

Datteln.. "Wer rein ruft, kommt nicht dran. Wir sind in der Schule, da muss man aufzeigen!", wiederholt sich Cornelia Rotte-Szameitat immer wieder.

Die Schulsozialpädagogin hält Bilder hoch, die Vorschüler sagen, was sie sehen. So sollen sie lernen, Laute mit (Anfangs-)Buchstaben zu verbinden. "W" für Wolke, "M" für Maus oder "L" für Lampe. Ein Junge fragt: "Was ist eine Lampe?"

Freitags von 8 bis 9.15 Uhr werden einfache Dinge geübt wie Ausschneiden, Kleben, Sortieren, Packen des Tornisters. Es gilt, Struktur zu erlernen: Still sitzen, auch wenn ich gerade spielen möchte oder nicht die Antwort in den Raum rufen, sondern vorher aufzeigen. Unterstützung gibt es beim Schultreff von Maria Scheiba, Sonderschullehrerin an der Schule Oberwiese.

Bei einem Einschulungstest wurde bei den 17 Kindern des aktuellen Kurses, der von Anfang des Jahres bis zu den Sommerferien dauert, Förderbedarf festgestellt. Was einst eher die Seltenheit war, wird heute immer alltäglicher. Die Ursachen dafür sind vielfältig, weiß Schulleiter Günther Schneider: "Entweder haben die Kinder eine echte ADHS-Problematik oder sie sind nicht richtig erzogen worden. Die Kinder gehen Zuhause über Bänke und Stühle, kriegen keine Grenzen gesetzt."

Während sich gerade türkischstämmige Mädchen zu "Leistungsträgern, die die deutschen Kinder in den Schatten stellen" entwickelten, gebe es bei den Jungen mit türkischer Abstammung teilweise noch den "klassischen Macho, die Prinzenrolle ist da immer noch ausgeprägt", findet Günther Schneider klare Worte. Das gebe es aber auch bei Kindern anderer - auch deutscher - Abstammung.

Nicht selten mangele es auch an den dringend nötigen Deutschkenntnissen. Der Grund: "Die Eltern reden mit den Kindern nur türkisch oder einen Mischmasch", so Schneider. Der Trend gehe aber zu "mehr türkischen Leistungsträgern", so Maria Scheiba. Die Eltern kümmern sich heute mehr um das Thema Bildung, nehmen bereitwillig Angebote wie den Schultreff in Anspruch, damit ihre Kleinen gefördert werden. Wie die 17 im Schultreff, im Sommer sind sie fit für die Schule.
Zu viel Freiraum gefährdet Schulerfolg
Wir fragten den gebürtigen Dattelner Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, Soziologe an der FH Münster, warum türkische Mädchen sich zu Leistungsträgern entwickeln und auf der anderen Seite einige Jungs "kleine Prinzen" sind:

"Wer Kindern zu viel Freiraum lässt, verbaut ihnen den Schulerfolg. Kinder, die sehr stark kontrolliert und diszipliniert werden, unterstützt man dabei indirekt beim Schulerfolg. So ungern man so etwas hört.

Jungen durften noch vor 20 Jahren auch in urdeutschen Familien viel mehr als Mädchen. In unteren Schichten sind klassische Rollenmodelle noch dominant. Mädchen sind sprachlich immer besser - auch in deutschen Familien, in denen deutsch gesprochen wird.

In der Schule geht es überwiegend um Fleiß und Disziplin, auch darin sind Mädchen besser. Man geht davon aus, dass es daran liegt, dass sie die Schule ernster nehmen, unter anderem deshalb, weil es für sie weniger andere Möglichkeiten gibt, Anerkennung in Wettbewerbssituationen zu bekommen. Jungs gewinnen beim Fußball oder bei Rap-Battles usw. Das ist die plausibelste Erklärung.

Migrationshintergrund hat statistisch gesehen keinen Einfluss auf Bildungserfolg."