Kreis lehnt Finanzhilfe ab

Als Folge der Tariferhöhung für die Musiker ist die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) spätestens im Sommer zahlungsunfähig. Eine mögliche Chance, die Insolvenz des Landesorchesters abzuwenden, ist die finanzielle Beteiligung des Kreises. Doch der lehnt ab.

Recklinghausen.. Bürgermeister Christoph Tesche zeigte sich gestern wenig überrascht davon, das seine Kollegen in den Kreisstädten einen Einstieg in die Finanzierung der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) ablehnen. Das hatte eine Umfrage unserer Zeitung ergeben. "Ich habe Verständnis für die Reaktion der Kollegen. Alle Städte im Kreis stehen schließlich unter erheblichem finanziellen Druck", sagte Tesche. Ähnlich äußerten sich die Spitzen von CDU, SPD und Grünen. Ins Spiel gebracht worden war die Beteiligung des Kreises an der Finanzierung des Orchesters unter anderem durch den FDP-Kreisvorsitzenden Mathias Richter. Rund 1,1 Mio. Euro beträgt der städtische Zuschuss für die NPW im Jahr. Allein für das laufende Jahr besteht noch ein Minus im Wirtschaftsplan von rund 500 000 Euro. Und: Die Kosten in den nächsten fünf Jahren werden weiter steigen. Bis 2020 wird sich der Zuschussbedarf bei 1,5 Mio. Euro einpendeln. Allein kann die Stadt dies nicht auffangen.

Tesche selbst würde am liebsten gar nicht mehr öffentlich zur Finanzkrise des Orchesters Stellung beziehen. "Mein Hertener Kollege Ulrich Paetzel hat zurecht darauf hingewiesen, dass wir aufgerufen sind, im Hintergrund nach Lösungen zu suchen. Ständig das Orchester öffentlich infrage zu stellen, kann nur schädlich sein", sagte der Bürgermeister.

Er verwies darauf, dass er seit Monaten hinter den Kulissen auf verschiedenen Ebenen Gespräche führt. In der kommenden Woche hat er einen weiteren Termin bei Bernd Neuendorf, Staatssekretär im NRW-Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport. Außerdem putzt Tesche Klinken bei potenziellen Sponsoren.
"Es besteht eine Chance, die NPW für die nächsten fünf Jahre zu sichern. Aber nur dann, wenn alle Träger ihren Beitrag leisten", erklärte gestern Grünen-Chef Holger Freitag. Der Vorsitzende des Kulturausschusses machte aber auch deutlich, dass die Jamaika-Koalition auch ein deutliches Signal der Musiker erwarte, einen Einsparbeitrag zu leisten.

Und auch CDU-Chef Benno Portmann bezog auf Anfrage Stellung: "In Zeiten, in denen wir bei Trägern sozialer Einrichtungen Zuschüsse um 15 Prozent kürzen, ist es schwierig, bei der NPW einfach fünf Prozent draufzulegen." Zumal im Koalitionsvertrag, wie bereits mehrfach berichtet, festgeschrieben ist, dass der Zuschuss eigentlich nicht steigen darf. Die Union hatte außerdem bereits 2009 die Parole ausgegeben, dass der Zuschuss für das Orchester den für die Ruhrfestspiele nicht übersteigen soll. In das sehr erfolgreiche Kulturfestival fließen jährlich 1,2 Mio. Euro städtische Mittel.

In Düsseldorf versucht der SPD-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete Andreas Becker für die NPW etwas zu bewegen. "Ich stehe in ständigem Kontakt mit dem Staatssekretär und den Kulturpolitikern meiner Landtagsfraktion. Die Lage ist in der Tat sehr ernst und nicht dazu geeignet, die Lösungssuche auf dem Marktplatz auszutragen", sagte Becker gestern. Die Suche nach einer Lösung des Problems sei insbesondere auch deshalb schwierig, weil es nicht um eine einmalige Kraftanstrengung gehe, sondern der Zuschussbedarf für das Orchester in den nächsten Jahren weiter kontinuierlich ansteigen werde.