„Alter, mach voran“

Als sei es gestern gewesen. Mit Charme, Witz und Begeisterung erzählt Christian Maiwurm von den wilden Zeiten in Köln und anderswo.Foto: Joachim Kleine-Büning
Als sei es gestern gewesen. Mit Charme, Witz und Begeisterung erzählt Christian Maiwurm von den wilden Zeiten in Köln und anderswo.Foto: Joachim Kleine-Büning

Recklinghausen..  Die Geschichte vom Aufstieg einer Kölschen Mundartband zur Rock- und Pop-Ikone ist lang und facettenreich. Und ohne ihn, ohne Christian Maiwurm, wäre es vielleicht nie zu diesem Aufstieg von BAP gekommen. Das hat Frontmann Wolfgang Niedecken schon x-mal erzählt, zuletzt wieder auf der Bühne beim Abschlusskonzert der Ruhrfestspiele. „Wir kommen immer gerne nach Recklinghausen“, hatte der 61-Jährige den 6000 Zuschauern zugerufen. Denn: „Ohne die Maiwurms hätte es BAP nie gegeben“, so Niedecken. „Mir ist das manchmal ein bisschen peinlich“, gesteht Christian Maiwurm.

Meistens ist er aber bestimmt mächtig stolz darauf. Wie sonst ist diese Begeisterung zu erklären, mit der der gebürtige Recklinghäuser beim Redaktionsbesuch in seinem Gedächtnis kramt und all die Geschichten von damals verzällt, so als seien sie erst gestern passiert. Die von seinem Einzug in Niedeckens Elternhaus an der Severinstraße 1 in der Kölner Südstadt. Die beiden Kunststudenten Niedecken und Maiwurm hatten sich an der Uni kennengelernt. Und „Tant Tinni“, Niedeckens Mutter und die „Patin der Severinstraße, sie hatte die ganze Straße fest im Griff“, hatte den Christian aufgenommen.

Sie hat den beiden Malern das erste Atelier verschafft - über einem Eiscafé am Chlodwigplatz. Die Jungs waren selig, haben später ihre schmale Kasse durch Auftragsarbeiten als „Schildermaler“ in der Grafikabteilung beim WDR aufgebessert („Jeden Tag 110 Mack auf die Hand, davon konnten wir gut leben“) und führten damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ein wildes Studentenleben. „Wir mischten systematisch Partys auf“, erinnert sich Maiwurm.

Vor drei Wochen ist er aus der Eifel gekommen, wo er seit langem lebt und arbeitet, um seine Mutter zu besuchen, die immer noch in Recklinghausen wohnt und die ihren 92. Geburtstag feiert. Sohn Christian, Hittorf-Abiturient und mittlerweile 61 Jahre alt, war mit Anfang 20 nach Köln gegangen und hatte dort mit seiner Freundin und späteren Ehefrau Bärbel, geborene Weiser, mit dem Studium begonnen. Beide sollten sie Jahre später ihre Finger im Spiel beim Karrierestart von BAP haben.

Es war Ende der 1970er Jahre. Maiwurm, der gerade den Wettbewerb für das beste Karnevalsplakat gewonnen hatte („das ist in Köln wie ein Ritterschlag“), nötigte seinen Freund Wolfgang ab, bei einer mit reichlich Kölner Prominenz aufzutreten. „Ich hatte ihm schon früher gesagt, als die Musik für ihn immer wichtiger wurde und er mit Kölschen Liedern anfing, Wolfgang, das ist geile Mucke, spill dat doch. Ich habe ihn immer auf die Bühne getreten und gesagt, Alter, mach voran. Do bess joot.“ Und am besagten Abend ist er mit dann mit seiner Band aufgetreten und hat ganzen Abend affjerockt.“

Und plötzlich war neben den Black Föös eine zweite Mundartband in der Stadt präsent – eine ganz andere, „wesentlich kompromissloser, härter und von den Texten viel ambitionierter“. Jeder habe gefragt: „Wer ist dat dann?“ Das war Wolfgang Niedecken und BAP. Die wenig später von einem Kontakt der Maiwurms mit einem gewissen Pit Mischke aus Berlin profitieren sollten. „Als ich von einer Reise aus Paris zurückkam, wohnte der Pit in meiner WG. Ich hab ihm gesagt, hör mal, dat ist ne geile Truppe, kümmer dich mal drum. Und so hat der Pit aufgrund von meiner und von Bärbels Initiative den Vertrag von BAP mit Eigelstein-Records gemacht.“

Die erste LP, BAP rockt andere Kölsche Leeder, „ging ab wir gestrichen Brot“. „Und die Postkarte mit dem Dom, die darauf gedruckt ist, haben wir, Wolfgang, der Schmal und ich, bei den ersten Exemplaren noch nächtelang draufgeklebt“, erinnert sich Christian Maiwurm. Höchstpersönlich brachten sie damals die Platten von Eigelstein-Records am Hansering quer über die Straße nach Saturn. LP Nummer zwei „Affjetaut“, für das der Recklinghäuser das Cover entwarf – ein Bild von Niedeckens Kühlschrank aus dem Atelier – „das war der Funke. Da haben wir gesagt, jetz machse nix anderes mehr, jetz machse Mucke.“ Nur kurz habe „de Jung“ – Niedecken – noch gezögert, er hatte einen Schweizer Mäzen gefunden, der ihn als Maler unterstützen wollte. Der Rest ist bekannt.