13 500 Euro im Internet verspielt

Eigentlich hatte er die lange Eisenkette mit der großen Kugel schon am Bein. Wer zehn Tage nach seiner letzten Verurteilung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Betruges so weiter macht, als sei nichts geschehen, kommt an einer Haftstrafe normalerweise nicht vorbei.

Marl.. Davor hatte der Angeklagte, der sich wegen Betruges vor dem Schöffengericht verantworten muss, sichtlich große Angst. Die Konsequenzen eines Gefängnisaufenthaltes wären verheerend: Der 26 Jahre alte Marler wäre seinen Job als Techniker los, könnte seine Schulden nicht weiter abzahlen - und die Bemühungen des Angeklagten, mit Hilfe von Fachleuten seine Depressionen in den Griff zu bekommen, wären vermutlich auch umsonst gewesen.

Was der 26-jährige Marler mit hoher Rückfallgeschwindigkeit getan hat, ist kein schweres Verbrechen, aber auch nicht von Pappe: Betrug in neun Fällen wirft ihm Staatsanwalt Weber vor.

Die Masche ist immer gleich. Der Angeklagte schließt unter falschem Namen Handyverträge ab und nimmt dann an so genannten Online-Rollenspielen im Internet teil. Die dabei entstehenden Kosten werden über die Handyrechnung beglichen. Gezahlt hat der Angeklagte, der in einem Fall auch noch ein teures i-Phone zugeschickt bekam, nie. Entstanden ist so ein Gesamtschaden von rund 13 500 Euro - zu Lasten des Telefonanbieters.

Depressionen

Die Beweislage ist nicht einfach, zumal es theoretisch auch der damalige Lebensgefährte des Angeklagten gewesen sein könnte, der an den Online-Spielen teilnahm.

Hatte der Angeklagte bislang zu den Vorwürfen geschwiegen, entschließt er sich - nicht zuletzt auf Anraten seines Bonner Verteidigers Ingmar Rosentreter - offen über seine persönliche Situation zu reden. Er erzählt von seiner ambulanten Therapie, von Aufenthalten in der Tagesklinik und übergibt dem Schöffengericht die Einweisung für einen aktuell anstehenden stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.

"Vielleicht brauchte er den Kick in den Rollenspielen und hat deshalb nach der letzten Verurteilung wegen seiner Depressionen einfach weitergemacht", sagt Staatsanwalt Weber. Da auch die Bewährungshelferin beim Angeklagten seit eineinhalb Jahren einen positiven Trend sieht, plädiert der Anklagevertreter für eine zweijährige Bewährungsstrafe.

Wem nützt es, wenn der Angeklagte zu den bösen Jungs in den Knast kommt?, fragt sich auch das Schöffengericht. Die Antwort liefert der Vorsitzende Richter Michael Brechler gleich mit: "Niemandem."

Auf ganz dünnem Eis

Auch das Schöffengericht kommt zum Ergebnis, dass die Krankheit das Motiv für die Missetaten des Angeklagten ist. Damit die zweijährige Bewährungsstrafe nicht nur auf dem Papier steht, muss der Marler während der vierjährigen Bewährungszeit jeden Monat 30 Euro an den Verein zur Förderung der Bewährungshilfe zahlen.

Sollte der Angeklagte während dieser Zeit straffällig werden oder gegen die Auflagen verstoßen, wartet auf ihn eine vierjährige Freiheitsstrafe, die er dann auch verbüßen müsste. Richter Michael Brechler: "Sie laufen jetzt auf ganz dünnem Eis."