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Religion

„Wir lassen uns nicht provozieren“

18.09.2012 | 17:42 Uhr
„Wir lassen uns nicht provozieren“
In der Ditib-Moschee ist das Anti-Islamvideo zurzeit Dauerthema.Foto: Heinz-Werner Rieck

Velbert.   Antiislamisches Hassvideo ist Dauerthema bei Velberts Muslimen: Viele sehen ihren Glauben verunglimpft, Gewalt indes verurteilen sie scharf.

Noch nie hat ein Youtube-Filmchen derart hohe Wellen geschlagen: „Die Unschuld der Muslime“ heißt das billig produzierte Machwerk, das in diesen Tagen für gewaltsame Ausschreitungen in mehreren islamischen Ländern gesorgt und hierzulande politische Grundsatzdebatten um Meinungsfreiheit entfacht hat.

Die Kernfragen: Darf das Video-Pamphlet öffentlich aufgeführt werden, wie es Rechtspopulisten fordern, oder muss es allein aus Sicherheitsgründen verboten sein? Und: Sind Ausschreitungen von aufgebrachten Muslimen auch hier zu befürchten? „Definitiv nicht, es wird keine Ausschreitungen geben“, ist sich Cem Demircan, Vorsitzender des hiesigen Integrationsrats, sicher. Er kennt viele der in Velbert lebenden Muslime, ist selbst Moslem. Er hat Ausschnitte aus dem Video gesehen, der Inhalt hat ihn geärgert. „Die meisten Muslime hier werden den Film sicher nicht gutheißen, aber sie alle werden ihn hinnehmen“, sagt er. „Das Ziel, der ganze Zweck dieses Films, den irgendein Idiot gemacht hat, ist ja zu provozieren.“ Und darauf dürfe man sich nicht einlassen. Dass Unschuldige für das Werk „eines Idioten“ leiden mussten, sei fatal. „Aber auf der Welt leben etwa 1,6 Milliarden Muslime – und die allermeisten von ihnen wollen keine Gewalt. So wie die allermeisten Christen nicht solche Videos produzieren.“ Muss der Film verboten werden? „Wenn er keine strafbaren Inhalte hat, muss eine Demokratie ihn eigentlich aushalten“, so Demircan.

Respekt vor allen Religionen

In der muslimischen Gemeinde vor Ort ist das Video Dauerthema. Karaman Cakat, Vorsitzender der Ditib-Gemeinde an der Friedrich-Ebert-Straße, und sein Vorstandskollege Hasan Yavuz sind sich einig, dass es sich bei dem Pamphlet um eine gezielte Attacke handelt. „Wir sind 100 Prozent gegen diese Aktion“, stellt Cakat klar, „aber wir lassen uns nicht davon provozieren.“ Das sagen sie auch immer wieder in Gesprächen mit anderen Muslimen, die sich von der Verunglimpfung verletzt fühlen. Cakat: „Alle Menschen leben ihre eigene Religion – wir haben vor jedem Respekt, egal ob Christ oder Jude.“

Die gewaltsamen Reaktionen, ob im Sudan oder in Libyen, verurteilen sie: „Dass deswegen Leute anderswo Menschen töten, ist nicht richtig“, sagt Hasan Yavuz, „unsere Religion ist dagegen, Menschen zu töten.“ Trotzdem lassen sich in der arabischen Welt viele Menschen von so genannten Hasspredigern radikalisieren. Cakat: „Bei uns wird in Moscheen nicht über politische Dinge gesprochen. Der Imam darf das auch gar nicht, er bekommt seine Texte von der türkischen Regierung“, erzählt Karaman Cakat, „diese Mentalität ist hier in vielen Moscheen so.“ Und wer dagegen verstößt, ergänzt Yavuz, „bekommt Hausverbot“.

Im Gegensatz zu Cem Demircan hält es Yavuz aber für unabdingbar, dass der Film hierzulande nicht gezeigt wird: „Das erwarten wir.“ Cakat versteht nicht, wie es überhaupt so weit kommen konnte: „Dass ein Mensch so einfach so einen Film machen kann... Der Mann hat studiert, der weiß genau, was danach kommt.“ Cakat unterstreicht, „wenn ein Muslim so einen Film machen würde, wären wir der gleichen Meinung.“ Denn für die Velberter Ditib-Gemeinde steht immer noch die Integration an erster Stelle. „Wir leben in Deutschland und passen uns den Gesetzen an“, meint Hasan Yavuz, „wir müssen alle miteinander leben – und wollen das auch.“

Peter Sieben und Andreas Berten

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Kommentare
21.09.2012
15:47
„Wir lassen uns nicht provozieren“
von badajoz | #5

Wie sagte schon Nietzsche:

„Übertriebene Toleranz ist ein Beweis des Misstrauens gegen das eigene Ideal.“

20.09.2012
21:24
„Wir lassen uns nicht provozieren“
von TheoWolff | #4

badajoz, ganz richtig. Es ist manchmal kaum zum aushalten, diese Leute zu erleben, die in vorauseilendem Gehorsam letzte Bestände ihrer (Glaubens-)kultur über Bord werfen, um sich islamischen Fundamentalisten an den Hals zu werfen und Harmlosigkeit zu demonstrieren. Es ist Feigheit und völliger Verlust an Bewußtsein, was vor Generationen geleistet worden ist, um Demokratie und freie Meinungsäusserung zu erkämpfen.

20.09.2012
16:43
„Wir lassen uns nicht provozieren“
von badajoz | #3

……….Es gibt unter Karikaturisten, Satirikern und Journalisten seit den Mohammed-Zeichnungen aus Dänemark einen Trend zur Selbstzensur. Die Fundamentalisten haben damit bereits einen Etappensieg errungen.
Leider ist diese Entwicklung aber auch in der Gesellschaft insgesamt zu beobachten. Nikolausfeiern in Kindergärten werden abgesagt, Fußballvereine wie Real Madrid entfernen ihre Symbole mit christlichen Bezügen, Stewardessen werden gehalten ihre Kreuze von den Halsketten abzulegen, islamkritische Kunstwerke oder Theaterstücke werden kaum mehr gezeigt. Ich halte das für eher für ein Indiz von Feigheit als für Klugheit.
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wolfram-weimer-zur-islam-debatte-das-klima-der-angst-zeigt-wirkung/7158142.html

19.09.2012
07:48
„Wir lassen uns nicht provozieren“
von Buerokrat | #2

Danke für die besonnenen Worte.

18.09.2012
21:07
„Wir lassen uns nicht provozieren“
von TheoWolff | #1

Wie es scheint, haben wir es in Velbert mit vernünftigen Vertretern des Islam zu tun. So viel Augenmaß wünsche ich mir auch bei all jenen, die in den anderen Ländern freitags in die Moschee gehen.

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