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Wach doch auf, Ron Luca

01.11.2012 | 10:00 Uhr
Wach doch auf, Ron Luca
Sabine Gertz möchte nicht, dass ihr Sohn Ron Luca auf dem Bild zu erkennen ist. „Er war so eitel, und ich kann ihn nicht fragen, ob er das möchte.“Foto: DETLEV KREIMEIER

Velbert.   Gefangen im Schlaf: Mit 13 Jahren wird Ron Luca ein anderer Mensch. Er fällt ins Wachkoma, dämmert vor sich hin. Für eine ganze Familie ändert sich das Leben von Grund auf.

Der Tod hat Ron Luca zu sich geholt, er will aber noch nicht gemeinsam mit ihm gehen.

Neben einer Kommode am Pflegebett hängt ein selbst gemachter Kalender von 2005, ein Foto zeigt einen pfiffigen 13-Jährigen, der nett lächelt, sich die Haare mit Gel zu kleinen Stacheln geformt hat. Gut sieben Jahre später ist Ron Luca eigentlich noch genauso alt wie auf dem Bild, lebt aber in dem Körper eines 20-Jährigen. So sitzt er da in seinem Rollstuhl, manchmal zuckt der Mundwinkel in seinem ansonsten regungslosen Gesicht, und wenn die Pupillen in seinen Augen nach außen wandern, scheint es so, er suche nach seiner Mutter, die ihm nie von der Seite weicht. „Ich weiß, dass er alles oder viel mitbekommt“, sagt Sabine Gertz und streichelt die arg gekrümmte Hand ihres Sohnes, „aber jetzt ist er gerade in einer anderen Welt.“ Ron Luca wirkt wach, obwohl er sich im Koma befindet.

An einem Juli-Tag im Jahr 2005 wird die Welt von Ron Lucas Eltern aus den Angeln gerissen. Der junge Velberter, der in Heiligenhaus die Gesamtschule besucht, möchte mit seinem Freund Steffen das Segeln erlernen, am Ufer des Essener Baldeneysees wartet er auf seinen Kumpel. Doch als Steffen mit dem Boot zurückkehrt, treibt Ron Luca mit dem Gesicht nach unten im Wasser.

Warum und wie lange der 1,95 Meter große Bursche in dem an der Stelle 80 Zentimeter tiefen See zu ertrinken droht, weiß niemand. Er muss wohl ohnmächtig geworden sein. Der herbeigerufene Rettungsdienst holt den Jungen zurück ins Leben, doch die Minuten ohne Sauerstoff setzen dem Gehirn zu. Wäre er doch gegangen, werden nun manche in einer Zeit sagen, in der die Gesellschaft über das Sterben und Sterbenlassen diskutiert – die aber auch nicht wie eine Mutter denken. „Ich hätte ihn gar nicht mehr wieder bekommen können“, sagt Sabine Gertz, „das wäre noch furchtbarer gewesen.“

Es vergehen Wochen auf der Intensivstation der Essener Uni-Klinik und Monate in der Rehabilitation in Hattingen. Als ein Arzt in Essen Sabine Gertz einen blauen Müllsack mit Kleidung in die Hand drückt, „war das der Tiefpunkt“. Doch ihr Sohn kämpft, obwohl er davon nichts mitbekommt. Im Wachkoma funktioniert zwar der Körper, Ron Luca kann atmen und über eine Sonde ernährt werden. Aber das Brummen und die unkontrollierten Zuckungen verraten, dass nur noch ein letzter Funken Bewusstsein in ihm schlummert.

Zerreißprobe für die Familie

Im März 2006 kehrt Ron Luca heim, fortan kümmern sich seine Mutter, eine gelernte Krankenpflegerin, und sein Vater Metin um ihn. „Nach Hause zu kommen war gut, ne?“, sagt die 50-Jährige zu Ron Luca. Er ist ihr „Großer“, mit heute 2,02 Metern ihr „Langer“ – Sabine Gertz hat aber noch ihren „Kleinen“: Sohn Yashar. Der ist sechs Jahre alt, wird eingeschult, als sein älterer Bruder verunglückt. Und es ist nicht leicht für ihn zu verstehen, wenn Mama und Papa das Spielen mit ihm unterbrechen, weil Ron Luca nebenan einen seiner Anfälle bekommt. Dass dann in solchen Situationen Sätze wie „Ich hasse den“ fallen, ist nicht ungewöhnlich. „Ich weiß ja, dass er nicht Ron damit gemeint hat“, zeigt Sabine Gertz Verständnis, „sondern die Situation.“

Die Familie wird vor die Zerreißprobe gestellt: An Urlaube ist nicht zu denken, Verabredungen müssen kurzfristig abgesagt werden – je nachdem, wie es Ron Luca geht. „Manchmal braucht man ein Stündchen, um in der Ecke zu heulen“, sagt Sabine Gertz, „aber was bringt mir das, was bringt es dem Kind?“

Seitdem Sabine Gertz nicht mehr auf einer Station arbeitet, hat sie nur noch einen Patienten – und das rund um die Uhr. Nach dem Umzug vor vier Jahren aus einer Drei-Zimmer-Wohnung in ein geräumiges Haus wird Ron Luca in einem umgebauten Krankenzimmer versorgt. An der Wand hängen in einer Collage Genesungswünsche seiner ehemaligen Klassenkameraden; hin und wieder schaut Steffen vorbei. An sechs Tagen in der Woche kommen Physio-, Ergo- sowie Sprachtherapeuten, Sabine Gertz pflegt ihren Sohn, cremt ihn ein, rasiert ihn, bringt ihn zu Bett – selbst wenn er nachts lieber die Augen auf hat und dafür tagsüber schläft. „Er schnarcht übrigens sehr laut“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Es vergeht kein Tag, an dem Sabine Gertz nicht hofft, dass Ron Luca aufwacht und sie gezielt anguckt. Ob und wann dies passiert, weiß niemand, aber: „Ich kann keine anderen Gedanken zulassen“, sagt sie und seufzt leise vor sich hin: „Wenn ich doch nochmal von dir ,Mama’ hören könnte, Ron Luca.“

Andreas Berten



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