Velberter erinnern sich an die Vertreibung aus dem Osten

Zu Fuß, Hab und Gut auf Karren verstaut, machten sich Millionen auf den Weg in den Westen.
Zu Fuß, Hab und Gut auf Karren verstaut, machten sich Millionen auf den Weg in den Westen.
Foto: ullstein bild
Was wir bereits wissen
70 Jahre ist es her, dass die Vertreibung der Deutschen aus den „Ostgebieten“ begann. Zwei Velberter, die diese Zeit miterlebt haben, erinnern sich.

Neviges..  Herbert Spillmann blättert in alten Erinnerungen. Aus dem sonnengefluteten Esszimmer begibt sich der 86-Jährige auf eine Reise durch die Jahrzehnte. Rekonstruiert seine Reisen durch die Republik, erzählt von der Rastlosigkeit, die ihn zu immer neuen Lebensstationen führte. Herbert Spillmann ist ein Flüchtling, ein Evakuierter aus den Ostgebieten.

„Aufgewachsen bin ich in Habelschwerdt, in Niederschlesien, am linken Ufer der Glatzer Neiße“, sagt Spillmann. Mit seinen Eltern und Geschwistern wohnte er in einer herrschaftlichen Villa. Spillmann fährt mit seinen faltigen Fingern über Fotos. Eine Schulklasse mit grinsenden Buben. Mädchen, die Zöpfe streng zurückgeflochten. Häuserfassaden, versteckt hinter Fliederbüschen. „Von meinem Zimmer aus hatte ich einen schönen Blick in unseren Garten.“ Der eingezäunte Schmuckgarten als Sinnbild für eine idyllische Kindheit. Doch 1945, einen Sommer darauf, sollte alles anders sein.

„Die Russen waren sehr freundlich, als sie an unserer Tür klopften“, erzählt Spillmann. „Aber als die Polen kamen, mussten wir gehen. Die Deutschen waren Freiwild zu dieser Zeit.“ In Güterwagons ging es mit 5000 Flüchtlingen auf eine Reise ins Ungewisse. Spillmann und sein Kumpel hievten sich gegenseitig zu den oberen Luken, um zu sehen, wo man sie hinbrachte. Nach fünf Tagen erreichte der Zug Braunschweig. „Da gab es einen Teller Erbsensuppe und wir wurden entlaust.“

Von Ondrup im Kreis Vechta über Trier schlug sich Spillmann nach Gerolstein durch. Mittlerweile hatte er eine Ausbildung zum Kaufmann abgeschlossen. „Ich war wieder wer.“ Im Bergischen Land eröffnete er seine eigenen Lebensmittelmärkte – heute immer noch in Familienhand.

Was Heimat für den 86-Jährigen bedeutet? „Ich hatte viele Stationen in meinem Leben. Musste mich damit arrangieren, mich anpassen. Aber meine wahre Heimat ist Habelschwerdt.“ Das heißt heute Bystrzyca Kalodzka. Zu seinem Elternhaus kehrte er nie zurück.

Klaus Hannemann hat seine Erinnerungen niedergeschrieben, für sich. Geboren 1935, wuchs er nahe Königsberg in Ostpreußen auf. „Es war eine schöne Kindheit“, erinnert sich der bald 80-Jährige. „Obwohl wir ziemlich abgeschnitten waren. Busse oder Autos fuhren nicht, ein Mal pro Woche kam ein Pferdewagen mit Lebensmitteln.“

Ab 1943/44 kam dann die Front näher und schließlich begann die lange Flucht. „Während von den großen Bauernhöfen die Leute mit Pferdewagen fliehen konnten, mussten meine Eltern ihr Hab und Gut auf den Handschlitten packen“, berichtet er. Mit dem Güterzug ging es zum Kriegshafen Pillau. Ein paar Monate verbrachte die Familie dort, dann musste sie zurück nach Königsberg. Schließlich fielen die Hannemanns in die Hände der Russen. „Wir wurden eine Chaussee entlang getrieben“, schreibt er. „Ein richtiger Todesmarsch war das.“ Immer weiter ging es, keiner wusste, wohin. Schreckliches erlebte er, auch Vergewaltigungen. „Das Bewusstsein und das Grauen über das Erlebte stellte sich erst Jahre später ein.“

Trotzdem hatte die Familie Glück: Da die Mutter polnisch sprach, konnte man sich mit den Russen verständigen, dafür gab’s auch mal Lebensmittel. Nach diversen Zwischenstationen landete Hannemann wieder in Königsberg. Zusammen mit der Mutter versteckte er sich auf einem russischen Militärlaster, erst an der Memel wurden sie entdeckt. Ohne große Folgen. Über Litauen und Frankfurt/Oder landete Hannemann schließlich in Langenberg.