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„Singen war Weltanschauung“

20.05.2011 | 18:09 Uhr
„Singen war Weltanschauung“
Singen im Chor macht Spaß: In Velbert und seinen Stadtteilen sind es immerhin 15 weltliche Chöre, die unter dem Dach des Stadtverbandes proben und Konzerte geben. Foto: Reiner Kruse

Velbert.   Mal Herren, mal Damen, mal gemischt: Die Velberter Chöre werden in einer Serie vorgestellt.

Was ist notwendig, damit die Demokratie funktioniert? Der renommierte Harvard-Politikwissenschaftler Robert Putnam hat in einem Buch über das soziale Kapital berichtet, was Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenhält. Seine Beobachtung: Immer mehr Amerikaner spielen Bowling – und das immer seltener im Verein. „Soziale Netzwerke haben ihren Wert. Sie erhöhen die individuelle wie kollektive Produktivität“, so Putnam. Er sah sich auch in europäischen Ländern um und konstatierte, dass lokale Demokratie in einigen Regionen ganz gut, in anderen ganz schlecht funktioniert. Und er entdeckte dabei ausgerechnet die Gesangvereine: Je mehr es gibt, so Putnams Beobachtung, umso besser waren Politik und Verwaltung.

Glückliches Velbert. Sollte die Anzahl der Chöre – weltlicher wie Kirchenchöre – tatsächlich ein Indikator für intaktes gesellschaftliches Leben wie auch administrativer Effizienz sein, so muss es einem um die Schlossstadt nicht bang sein: Der Stadtverband Velberter Chöre zählt aktuell 15 Gesangvereine zu seinen Mitgliedern, mal gemischt, mal reine Damenabteilungen, beliebt auch geschlossene Herrenriegen.

Seit 1928 wird die Einstimmigkeit dieser bunten Chorlandschaft durch den Verband – anfangs als Arbeitsgemeinschaft, seit 1976 als Stadtverband – gewährleistet. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden Wolf Schlagowski und seinem Stellvertreter Wolfgang Diederichs wird deutlich, dass der Dachverband besonders in seiner Entstehungsphase durchaus auch eine Funktion als Ordnungshüter innehatte: „Die meisten Chöre probten vor dem Wochenende, und wenn die Sänger des Arbeiterchores nach der Probe und ein paar Bier auf der Straße auf Mitglieder bürgerlicher Gesangvereine stießen, konnte es auch mal zu Prügeleien kommen“, berichtet Diederichs. Soll heißen: So richtig grün waren sich die im Vergleich zu heute noch zahlreicheren Chöre in Velbert nicht. „Singen war Weltanschauung, die Zugehörigkeit zu einem Chor sagte etwas über die Herkunft des Sängers“, erläutert Schlagowski – und somit konnte Chorgesang durchaus auch Klassenkampf in Dur und Moll sein.

„Der Verband hatte die Aufgabe, das Gefühl der Konkurrenz abzubauen, Vertrauen zu schaffen, erste Schritte der Chöre aufeinander zu zu organisieren. Abseits vom weltanschaulichen Impetus sind Schlagowski und Diederichs jedoch wie eben auch Politologe Putnam überzeugt, dass Chorarbeit „soziale Bindungen stärkt und Werte wie Solidarität und Zusammengehörigkeit stärkt“, so Schlagowski. Die vielen Konzerte, die die Mitgliedschöre alljährlich geben, seien wichtige Beiträge zum städtischen Kulturleben, betont Diederichs. Der Stadtverbands-Vize gehört dem Männerchor Liedertafel-Arion an, „unsere Auftritte im großen Saal des Forum Niederberg sind immer ausverkauft – zuletzt haben wir sogar an einem Tag zweimal hintereinander konzertiert“.

Heute sind die Aufgaben und Sorgen des Stadtverbandes Velberter Chöre indes völlig andere. Die aktuelle Bemühung der Politik um Haushaltskonsolidierung soll auch an den Chören der Stadt nicht spurlos vorübergehen. So könnte es sein, dass der Stadtverband, der zentral von der Kommune einen Zuschuss für die Chorarbeit einsammelt und dafür das Musikleben mit fünf Konzerten innerhalb der Kulturveranstaltungen des städtischen Angebotes unterstützt, künftig weniger zu verteilen hat: 43 400 Euro gab es noch 2010 für Chorverband und die anderen Chöre und Orchester in der Stadt. Das vom Rat abgesegnete Haushaltssicherungskonzept sieht ab 2012 nur noch die Hälfte vor. „Das berührt unsere Arbeit im Kern“, gibt Schlagowski zu bedenken. Er und Diederichs machen die Qualität des Gesangs von der Bereitschaft der Stadt, sich die Chorlandschaft etwas kosten zu lassen, abhängig. „Weniger Geld würde zwangsläufig Auswirkungen auf unsere Leistungen haben“, sagt Diederichs und meint damit die Anmietung von Sälen, Orchestern und die Aufführungstechnik. „Wir sind mit unserem Bürgermeister immer zufrieden gewesen, haben in ihm immer einen guten Ansprechpartner für unsere Probleme gehabt“, meint der Verbandsvorsitzende. „Hoffen wir, dass es so bleibt!“

Matthias Spruck

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