Seniorin erfüllt sich in Neviges Jugendtraum

„Ich bin so gern hier, das habe ich mir immer gewünscht“: Marianne Brügger bessert  als ehrenamtliche Helferin im Sozial Orientierten Service an der Bernsaustraße Stoffe und Kleidung aus.
„Ich bin so gern hier, das habe ich mir immer gewünscht“: Marianne Brügger bessert als ehrenamtliche Helferin im Sozial Orientierten Service an der Bernsaustraße Stoffe und Kleidung aus.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Marianne Brügger (83) wäre gern Schneiderin geworden. Jetzt bessert sie im Sozial Orientiertem Service Stoffe aus – und erfüllt sich einen Traum.

Neviges..  Die grüne Tischdecke sieht prima aus, wenn da nur nicht dieses schlecht gestopfte Loch wäre. Ein kritischer Blick von Marianne Brügger, dann ist klar: „Da mach ich lieber eine Tasche draus.“

Ob Gardinen, Tischdecken oder Kleidung – was immer beim Sozial-Orientierten-Service an der Bernsaustraße abgegeben wird, unterliegt der genauen Inspektion von Marianne Brügger. Etwa zwei bis drei Mal in der Woche setzt sich die 83-Jährige in Velbert-Mitte in den Bus, um hier als ehrenamtliche Kraft auszuhelfen.

Denn zu Hause die Beine hoch zu legen, das kommt der Seniorin nicht in den Sinn; „Nee, bloß nicht, das fange ich nur an zu grübeln.“ Was ihr in der Bernsaustraße gefällt: „Hier ist was los, ich mag nämlich auch nicht immer mit alten Leuten über Krankheiten reden.“ Da greift sie lieber zu Nadel und Faden, so wie gestern, als eine junge Frau einen Schwung Babysachen abgab. „Bei einem Strampler fehlten die Knöpfe, da habe ich ein paar rote dran genäht, dann sah das wieder prima aus.“

Ein paar Knöpfen hat sie es auch zu verdanken, hier ihr „zweites Zuhause“ gefunden zu haben, wie Marianne Brügger das S.O.S-Team nennt. „Ich gab Sachen ab und suchte Knöpfe, dabei kam ich mit Carola ins Gespräch.“ Mit Carola Schröder, die zusammen mit Michael Adler die Einrichtung leitet. Und seitdem ist klar: Zwei bis dreimal in der Woche sortiert und faltet Marianne, was das Zeug hält und bessert auch schon mal kleine Schäden aus. Die „reinen“ Näharbeiten erledigen nach wie vor die Beschäftigten, die hier auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden.

Doch auch sonst gibt es genug zu tun: Zum Beispiel die vielen Tischdecken farblich zu sortieren und nachzuschauen, ob sie auch wirklich in Ordnung sind und somit problemlos für kleines Geld weiterverkauft werden können. Was nicht der Fall ist bei einem ziemlich in die Jahre gekommenen Häkeldeckchen, das ihr gerade in die Hände fällt. „Da nehm ich was raus als Applikation für die nächste Tasche“, erzählt die 83-Jährige, die sich an der Bernsaustraße einen Jugendtraum erfüllt: „Ich wollte damals eine Schneiderlehre machen, aber die Zeiten waren anders.“ Wer gibt schon 1945 eine Stelle in der Werksküche einer Zeche auf? „Da blieb oft was übrig zum Mitnehmen, meine Mutter sagte häufig: Du bringst die Familie durch.“