Schlabberdistanz
06.11.2008 | 19:04 Uhr 2008-11-06T19:04:17+010060 Gesamtschüler/innen haben am Seminar "Benimm ist in" teilgenommen. Ganz und gar freiwillig im Berufsorientierungscamp
Hände in der Hosentasche - geht nicht. Kaugummi kauen - geht überhaupt nicht. Essen während eines Kundengesprächs - das geht gar nicht. Wer sagt das? Der Knigge. 60 Gesamtschüler/innen haben jetzt beim Seminar "Benimm ist in" mitgemacht. Und das ganz und gar freiwillig.
Den Knigge-Kurs hat die Gesamtschule im Rahmen des Berufsorientierungscamps, gesponsert durch das Landesprogramm "Stiftung Partner für Schule", angeboten. Jeweils einen Tag lang haben die Pennäler die Schulbank gegen den Seminar- und vor allem den Esstisch im Jugendgästehaus Am Buschberg getauscht. Trainiert wurden sie von Nicola Becht aus Bayreuth, Berufssängerin, und Ramin Abdulkadir, Studentin aus Köln. Beide Referentinnen stehen unter Honorarvertrag bei der Kölner Imago-Agentur, mit der die Gesamtschule gerne mal zusammenarbeitet. Und beide vermitteln, was sich bei Tisch - und überhaupt - gehört, wie man sich als Mitarbeiter gegenüber dem Chef verhält und welche Benimm-Disaster am besten niemals passieren.
Nicola Becht: "Wir senden permanent Signale aus. Ob über Körperhaltung oder Gesichtsausdruck." Und dann geht die Sängerin, die der Körpersprache mächtig ist, in die Vollen. Thema: Geschäftsessen im noblen Restaurant. Sie demonstriert mit extra gekrümmtem Buckel und liegenden Ellenbogen auf dem edel gedeckten Esstisch, was sich nun ganz und gar nicht gehört. Und dann geht's Schlag auf Schlag: "Nach dem Essen nie die Serviette auf den schmutzigen Teller legen! Das ist eine Zumutung für den Kellner. Ein Stielglas wird am Stiel angefasst und nicht am Pokal! Während des Essens geht man nicht zur Toilette, höchstens zwischen den Gängen! Benutztes Besteck nie auf den Tisch legen, sondern auf den Teller!" Diese Befehlskette könnte unendlich fortgesetzt werden. Und schließlich die guten, praktischen Tipps: "Aufrechtes Sitzen beim Essen sorgt für die kleinstmögliche Schlabberdistanz." Tja, liebe Referentin, und wenn's denn doch auf die Tischdecke kleckert? Nicola Becht schmeißt sich in Pose: "Dann am besten ganz charmant zu seinem Fehler stehen." Und bloß um alles in der Welt nicht: 1. Beim Weiterreichen einer Gemüseschüssel mit dem Daumen ins Essen packen; 2. ein Gericht bestellen, dass man nicht zu verspeisen versteht (etwa Hummer, Vorsicht! Zange!); 3. das Besteck anfassen, als hätte man eine Heugabel in der Hand.
Schließlich geht's in die Praxis: das Mittagessen. Hähnchenschenkel, Pommes, Erbsen und Möhren. Und das ganze bitte mit Messer und Gabel. Auch den Hähnchenbollen? Auch den Hähnchenbollen! Keine(r) der Schüler/innen - allesamt Klasse 10 - hat sich über die theoretischen Vorträge, geschweige denn über die Referentinnen, lustig gemacht, herumgegibbelt. Alle sind voll konzentriert bei der Sache. Wissen, dass ihnen diese Benimm-Regeln später nur helfen können. Und jetzt, wo es zu Tisch also in die Praxis geht, wird erst recht nicht gelacht.
Aufrecht sitzen: minimale Schlabberdistanz. Das Besteck liegt locker in der Hand. Selbst das Hähnchen wird nicht noch einmal ermordet.
Nicola Becht: "Hier kann man sehen, wo eine gute Kinderstube gepflegt worden ist."
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