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Fall Kassandra

Sägen, Bohren und Polieren

19.11.2009 | 19:12 Uhr

Velbert/Wuppertal. Der mutmaßliche Täter (14) im Fall Kassandra lernt in U-Haft, seine Freizeit sinnvoll zu verbringen. Er hat auch Schulunterricht.

Schwerverbrecher warten hinter den dicken Mauern aus Stahlbeton auf ihren Prozess. Darunter einer der mutmaßlichen Attentäter aus der Sauerland-Zelle. Im Block C der Justizvollzugsanstalt Simonshöfchen in Wuppertal sind 70 Jugendliche untergebracht. Hier sitzt nach Informationen der WAZ auch der 14-jährige Verdächtige im Fall Kassandra (wir berichteten). Tatvorwurf: versuchter Mord an der neunjährigen Schülerin.

Seinen Alltag verbringt der Jugendliche unter anderem mit Sägen, Bohren, Schweißen und Polieren. Jeder junge Untersuchungshäftling muss in den ersten sechs Wochen Haft ein kleines Werkstück basteln. „So etwas haben viele Häftlinge in ihrem Leben noch nie gemacht”, sagt die kommissarische JVA-Leiterin Jutta Lauxen. Die Jugendlichen spielen Schach und Fußball, backen Waffeln oder schwingen den Tischtennisschläger.

Es gehe darum, den Häftlingen ein niedrigschwelliges Angebot zu machen. „Wir wollen Anleitung geben, die Freizeit sinnvoll zu gestalten”, sagt Lauxen, die aus verschiedenen Gründen nicht bestätigen will, dass auch der 14-Jährige im Simonshöfchen inhaftiert ist.

In der JVA beschäftigen sich 30 Vollzugsbeamte, ein Psychologe, zwei Sozialarbeiter und ein Lehrer mit den jungen Häftlingen. Wer schulpflichtig ist, kommt auch im Knast nicht um Rechnen und Lesen herum. Die Gefängnisleitung kooperiert mit Lehrern von Wuppertaler Berufsschulen.

Nein, ein Vergnügen sei die Untersuchunghaft bestimmt nicht, sagt Lauxen. „Wenn Sie Blumen riechen wollen, können Sie nicht mal eben ins Blumengeschäft gehen.” Das Fernsehprogramm sei gefiltert. Besuche werden überwacht.

Der 14-Jährige wird hier wohl die Zeit bis zum Prozess verbringen. Seine Anwältin Astrid Denecke scheiterte auch im dritten Anlauf mit ihrer Haftbeschwerde (wir berichteten). Nur noch eine Verfassungsbeschwerde kann ihm jetzt noch helfen. Astrid Dencke will das gemeinsam mit den Eltern des Jungen prüfen.

Manche Häftlinge müssen nur wenige Tage hier verbringen. Andere warten zwei oder drei Jahre auf einen Prozess. „Alle Untersuchungs-Gefangene gelten für uns als unschuldig”, sagt Lauxen. Das sei wichtig im Umgang mit den Menschen – egal ob erwachsen oder jugendlich.

Wie schnell wird der Täter in der Haft zum Opfer? Die Anwältin des 14-Jährigen spricht von Übergriffen auf ihren Mandanten. „Bei uns hat es seit Jahren keine Übergriffe gegeben”, sagt Jutta Lauxen. Natürlich gebe es im Gefängnis immer wieder mal Rangeleien, die in den seltensten Fällen auch strafrechtlich von Bedeutung seien. „Wir haben Bedienstete, die gut aufpassen.” Illusionen dürfe sich eben niemand machen. Viele Häftlinge, hätte einiges auf dem Kerbholz. Lauxen spricht Klartext: „Die haben draußen kein Mädchenpensionat besucht.”

Es sei für die Mitarbeiter eine große Herausforderung, schon im Vorfeld zu erkennen, welcher Insasse gefährdet sei. Und wer nicht. Jemand, der ein Kind in einen Gully geworfen habe, gehöre dazu. „Noch gefährdeter sind sicher Gefangene, die wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt werden.”

HINTERGRUND: Lebensgefährlich verletzt im Gully gefunden 

Die neunjährige Kassandra wurde in der Nacht vom 14. auf den 15. September mit lebensgefährlichen Verletzungen in einem Gully hinter der Turnhalle an der Tönisheider Straße gefunden. Die Polizei nahm drei Wochen später den 14-jährigen Jugendlichen wegen versuchten Mordes fest. Er komme als alleiniger Täter in Frage. Die Staatsanwaltschaft will noch in diesem Jahr Anklage erheben.

Arne Poll

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