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Probleme auf Bierdeckeln

14.09.2007 | 10:11 Uhr

Bei der Aktion "Mitreden - WAZ lesen!" fragte Gerhard H. Nerlich: "Haben Politiker die Bodenhaftung verloren?"WAZ fragte Ehemalige und einen Aktiven: Heutige Politikergeneration ist "mehr administrativ"

War es früher leichter, die Bodenhaftung zu behalten? Oder waren die Politiker der 70er Jahre anders gestrickt als die heutigen Aktiven? "Es ist in der Tat so, dass es schwieriger geworden ist", meint Velberts ehemaliger Bürgermeister Heinz Schemken (von 1969 bis 1998) . "Die Abgeordneten, die mittendrin sind, gibt es zwar noch, aber sie sind handverlesen." Er selbst habe noch "auf Schritt und Tritt Bierdeckel mit den Problemen der Bürger in der Tasche" gehabt, aber die heutige Politikergeneration sei einfach anders, "mehr administrativ". Bodenhaftung, das bedeutet für den 72-Jährigen "verfügbar zu sein, nicht nur in Sonntagsveranstaltungen". Es müsse erkennbar sein, wo ein Politiker sein Fundament habe, zum Beispiel in der Gewerkschaft oder in der Kirche: "Werte sind das Wesentliche. Und man muss zuhören und mit dabei sein, wenn es um ganz konkrete Politik geht."

Schemken, der 20 Jahre lang CDU-Bundestagsabgeordneter war, zeigt aber auch Verständnis für die heutigen Politiker: "Was heutzutage geleistet werden muss - international -, beschäftigt die Abgeordneten mehr als die Dinge im eigenen Land." Das habe zur Folge, "dass das hautnahe Vertrauen schwindet. Das sehen wir ja an der Wahlbeteiligung: Die Bürger verstehen nicht mehr, was geschieht". Das ist für Schemken ein Warnsignal: "Für die Volksparteien ist es dringend erforderlich, dass wieder mehr Vertrauen entsteht - und dadurch auch Mehrheiten."

"Wer von Haus aus eine Grundhaltung hat, der hat sie auch in der Politik. Und wer keine hat, der lässt sich auch leicht beeinflussen." Das ist die Überzeugung von Willi Müser (CDU), Landrat von 1969 bis 1999. Die Klage über fehlende Bodenhaftung sei eines der liebsten Schlagworte in der Politik, "aber das ist von Person zu Person unterschiedlich. Natürlich spielt da auch der Zeitgeist rein, aber im Prinzip ist die Persönlichkeit entscheidend". So seien Politiker wie Helmut Schmidt, aber auch Helmut Kohl immer fest in ihrer Grundhaltung gewesen. "Allerdings", räumt Müser ein, "ist heute der Einfluss der öffentlichen Meinung und der Medien größer als früher."

Grundwerte, durch die der einzelne geprägt sei, sind für Müser wichtig: "Für meine Generation war es die Ablehnung der Nazis, das Einstehen für die junge Demokratie. Man war geprägt davon, dass man die persönliche Verantwortung gesehen hat." Grundwerte, das seien aber auch Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. "Ob ein Politiker die hat, kann man an vielen kleinen Dingen ablesen." Gerade Politiker stünden vor vielen Versuchungen, "aber das sind die Prüfsteine. Sich auf jemanden verlassen zu können, das gilt schlichtweg und überall".

Noch aktiv als Europa-Abgeordneter ist Klaus Hänsch (67), der von 1972 bis 1986 Unterbezirksvorsitzender der SPD im Kreis Mettmann war. Er antwortet auf die Frage, ob die Politik die Bodenhaftung verloren habe: "Für die Gesamtheit der Politik ist das falsch." Allerdings habe sich die Art der Kommunikation zwischen Politikern und Bürgern verändert: "Ich bekomme täglich hunderte von E-Mails. Es stimmt, dass es weniger persönliche Gespräche gibt, aber dafür ist der Austausch über die modernen Medien intensiver geworden."

Hinzu komme: "Auch die Abgeordneten leben ja nicht isoliert, sondern haben Familie, Freunde, Nachbarn - das heißt, sie haben mit normalen Menschen zu tun. Wir leben ja nicht auf einem anderen Stern." Hänsch vermutet: "Jemand, der ein Problem nicht in seinem Sinne gelöst sieht, glaubt, dass Politiker die Bodenhaftung verloren haben - aber in Wahrheit hat die Politik nur nach vielen, vielen Gesprächen anders entschieden."

Von Annette Wenzig



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