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Gedenktag

Mit Würde und Respekt gedenken

25.01.2013 | 16:37 Uhr
Mit Würde und Respekt gedenken
he und widerlegten die Vermutung, das Interesse an Gedenktagen würde langsam schwinden.Foto: H W Rieck

Konfrontiert mit provokativen Hypothesen, diskutierten die Schülersprecher der weiterführenden Schulen über den Wert des Holocaust-Gedenktages

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat im Jahr 1996 den 27. Januar – den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen im Jahr 1945, offiziell als Holocaust-Gedenktag in Deutschland eingeführt. Seit 2005 wird dieser Tag auch international begangen. Verschiedene Institutionen wie Schulen, Verbände, Parteien und Kirchen erinnern nun jährlich an die Schrecken und Gräuel des Massenmordes an den Juden während der Nazi-Herrschaft.

Allerdings – so zumindest der Eindruck der WAZ-Lokalredakteure aus Velbert – scheint das Interesse an den Gedenkveranstaltungen besonders unter jungen Menschen nachzulassen. Doch ist das wirklich so? Um das herauszufinden, trafen sich die WAZ-Redakteure Matthias Spruck und Sascha Döring mit den Schülersprechern der weiterführenden Schulen aus Velbert, um genau über dieses Thema zu sprechen.

Konfrontiert mit teils sehr provokativen Hypothesen diskutierten die Jugendlichen gut eine Stunde: über Gedenken mit Respekt und Würde oder den Umgang mit der Vergangenheit. Von mangelndem Interesse war dabei nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil: Je weiter die Geschehnisse zurückliegen, desto wichtiger seien Gedenktage und -veranstaltungen, so die einhellige Meinung der Schüler.

Warum haben so viele das System getragen?

Auschwitz und die Geschichte der NS in Deutschland sind nur ein Thema deutscher Geschichte. Das sollte nicht überbewertet werden. Es gibt schließlich noch viele andere Themen und Epochen.

Diese Hypothese traf bei Franziska Glanemann, Schülersprecherin am Gymnasium Langenberg, auf wenig Verständnis. „An meiner Schule kann ich nicht von Überdruss in der Schülerschaft sprechen; der Stellenwert im Geschichtsunterricht ist völlig angemessen.“ Nico Schmidt vom NEG erwähnt, dass er über den Geschichtsunterricht hinaus auch in Fernsehdokumentationen und Spielfilmen mit wichtigen Aspekten des Dritten Reiches konfrontiert werde. „Da erfährt man wie zuletzt etwa aus dem Leben von Erwin Rommel, der ja mit all seinen Verfehlungen, aber auch Zweifeln Teil des Systems war“, sagt Schmidt. Wird Auschwitz überbewertet? – „Nein, die Frage, warum so große Teile der deutschen Bevölkerung damals diese schreckliche Diktatur getragen haben, bleibt für mich bestehen“, so Nico Schmidt. „Im Unterricht ist das Maß genau richtig“, findet Ole Bernhardt vom Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG). „Aber im Fernsehen laufen jeden Tag irgendwelche Dokus zur Nazi-Zeit. Da muss man aufpassen, dass das nicht zu viel wird.“ Unterschiedlicher Meinung sind die Schülersprecher, wenn es um aktuelle Bezüge geht. Während sowohl Claudiu Simion als auch Ole Bernhardt sich wünschen, dass etwa im Unterricht das Thema Neonazis und deren Wirken mehr Beachtung finden sollte, ist Michael Selenin von der Heinrich-Kölver-Realschule anderer Meinung: „Bei uns wird das ganz gut gehandhabt“, berichtet der 15-Jährige. „Der Unterricht nimmt durchaus Bezug auf aktuelle Themen.“ Ähnliches kann Alexander Vieth vom Unterricht der Christlichen Gesamtschule Bleibergquelle berichten.

Wer hier lebt, muss sich mit Nationalsozialismus befassen

In den Schulen wächst der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Die haben kein Verständnis für diese Intensität von Auschwitz-Geschichtsunterricht.

Ein Vorurteil, wie sich im Gespräch herausstellt. Sowohl Gesamtschul-Schülersprecher Claudiu Simion als auch Ferhat Incekan sehen das ganz anders. „Meine Freunde und ich hätten gerne im Unterricht noch viel intensiver über dieses Thema gesprochen“, sagt Incekan, Schülersprecher der Nevigeser Hardenbergschule. „Das Interesse ist auf jeden Fall da.“ Claudiu Simion, der aus Rumänien stammt, erwähnt 20 Nationalitäten, die an der Gesamtschule anzutreffen seien. „Egal, wer hier lebt, für den gehört es zur politischen Kultur Deutschlands dazu, sich mit den Geschehnissen des Nationalsozialismus auseinandersetzen zu müssen“, sagt er. Nach seiner Beobachtung bestehe in der Gesamtschule ein großes Interesse, etwa an der regelmäßigen Exkursionen nach Auschwitz teilzunehmen und zuvor die geschichtlichen Hintergründe im Unterricht zu erarbeiten. „Für die gesamte Gesellschaft wünsche ich mir eher noch mehr Auseinandersetzung.“

Blick nach hinten wichtig für künftiges Handeln

Der Publizist Henryk M. Broder, selbst Jude, behauptet in seinem neuesten Buch: Ritualisiertes Gedenken ist nicht mehr als eine leere Geste, um sich Erleichterung zu verschaffen. Wichtiger als der Blick zurück wäre die Unterstützung Israels heute. Broder fordert: „Vergesst Auschwitz“!

Mit dieser Hypothese mochte sich keiner der Anwesenden anfreunden. „Sicherlich ist es richtig, dass Erinnerung ohne das dazugehörige Bewusstsein keinen Sinn macht“, sagte Nico Schmidt. Zwar sieht der NEG-Schülersprecher eine Verbindundung zwischen dem Leid, das Juden in der Zeit des Nationalsozialismus von Deutschen angetan wurde, und dem Verhältnis Deutschlands zu Israel heute. „Trotzdem ist es nötig, die Politik der israelischen Regierung kritisieren zu können.“

Auschwitz und damit die Erinnerungskultur vergessen möchte Franziska Glanemann vom Gymnasium Langenberg auch nicht. „Wenn wir dieser Forderung nachkämen, würde bald der Bezug zum Nationalsozialismus fehlen. Wir müssen nach hinten schauen, um für unser künftiges Tun Verantwortung übernehmen zu können.“

Matthias Spruck und Sascha Döring

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Kommentare
27.01.2013
14:41
Mit Würde und Respekt gedenken
von chelsea | #1

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Deutschland sehe ich eine immer größer werdende Gefahr für die bei uns lebenden Juden, die anders als im letzten Jahrhundert nicht von der deutschstämmigen Bevölkerung ausgeht.
Grünen-Chef Cem Özdemir warnt vor dem wachsenden Antisemitismus muslimischer Jugendlicher.
http://www.oezdemir.de/presse/pressespiegel/2412821.html

In den Niederlanden z.B. scheint der Antisemitismus muslimischer Jugendlicher schon weiter fortgeschritten zu sein.
http://www.derwesten.de/nachrichten/juden-in-holland-fuerchten-um-ihr-leben-id4031716.html

Wie sagte schon Nietzsche:
„Übertriebene Toleranz ist ein Beweis des Misstrauens gegen das eigene Ideal.“

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