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„Mandat auf Zeit“

24.09.2010 | 18:57 Uhr
„Mandat auf Zeit“

Berlin/Velbert.Eiligen Schrittes hetzt Kerstin Griese über den Boulevard „Unter den Linden“. Es ist die zweite Woche nach der Sommerpause. Besprechungen stehen an, Sitzungen ebenso. Termine, Termine eben. Die ehemalige Familienausschussvorsitzende ist wieder da.

Drin. Im Bundestag, zurück im Politiktrott. Nach einem Jahr Zwangspause ist die SPD-Politikerin erneut nachgerückt.

Am 27. September 2009 endete ihre Karriere jäh. Niemand hatte mit einem Ausscheiden gerechnet. Am wenigsten sie selbst. Der Wahlkreis 106 mit den Städten Velbert, Ratingen, Heiligenhaus und Wülfrath galt als „machbar“. „Wir wussten, dass es eng werden würde für die SPD, aber auf der Straße, im Wahlkampf, war die Stimmung so gut“, erinnert sie sich bestens. Auch später seien viele Leute auf sie zugekommen, um ihr zu versichern, ihr die Stimme gegeben zu haben. Haben sie offenbar nicht. Die Mehrheit wählte Peter Beyer, CDU.

Die Landung war weich. Zwei Wochen nach dem Ausscheiden meldete sich die Diakonie und bot ihr einen Vorstandsposten an. Sie stellte sich dieser Wahl und hatte fortan einen neuen Job.

Die Lehren waren dennoch hart. Innerhalb weniger Tage musste sie ihr Bundestags-Büro räumen. Sämtliche (Telefon-)Anschlüsse abmelden, das Namensschild von der Tür knibbeln. Neun Jahre Politikerleben, verstaut in ein paar Kisten. Am Ende verschenkte sie noch Geschirr und Büroklammern. „Man kann ja nicht alles einlagern.“ Geblieben ist ihr eine Mappe, voll mit dutzenden Dankesbriefen. Sie nennt sie ihren „Kondolenzordner“. Bürger und Verbände haben geschrieben und sich für ihre Arbeit bedankt. Genossen schickten Mails mit guten Wünschen, und selbst die politische Konkurrenz meldete sich und bedauerte ihr Ausscheiden.

„Es ist so skurril. Hätte ich einfach so weitergemacht, hätte ich nie erfahren, was die Leute von mir und meiner Arbeit halten.“ Manchmal schaut sie noch hinein und ist erneut gerührt. „Ich bin älter geworden in dieser Zeit. Naja, sagen wir besser: gereift“, reflektiert die 43-Jährige.

Wie jeder andere Arbeitnehmer stapfte Griese in den vergangenen Monaten bei Wind und Wetter zur Arbeit. Die Fahrbereitschaft – passé. In die Heimat, nach Ratingen, ging’s fortan mit der Bahn, nicht mehr mit dem Flieger. „Immerhin wusste ich noch, wie man Tickets am Fahrkartenautomat zieht. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für Abgeordnete, die viele Jahre im Bundestag waren und denen solche Dinge abgenommen wurden, noch schwerer ist.“ Sie ist wieder näher an die Menschen gerückt, glaubt sie. Als Sozialpolitischer Vorstand beschäftigt sie sich nicht nur mit familienpolitischen Fragen, sondern auch mit der Gerechtigkeit des Gesundheitssystems sowie der Arbeitsmarktsituation. Sie kenne sich nun in noch mehr Bereichen aus. „Außerdem denke ich jetzt Politik von der praktischen Seite, weiß, was sich in Pflegeheimen ändern muss und was sich Bewohner und Personal wünschen“, gibt sie ein Beispiel. Die schnelle Rückkehr in den Bundestag kam für sie überraschend. Sie hatte zwar Platz eins der Warteliste, hatte aber nicht mit dem baldigen Ausscheiden eines NRW-Abgeordneten gerechnet.

„Klar habe ich immer mal nachgehört, wie es mit der Regierungsbildung in NRW aussieht.“ Angelica Schwall-Düren, die Platz machte, hatte niemand auf der Rechnung. Als die Nachricht die Runde machte, schickten Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Frank-Walter Steinmeier als erstes eine Glückwunsch-SMS. Allerdings: Gewartet hat niemand auf Griese. Alle Posten in der Fraktion sind vergeben. Und als ehemalige Vorsitzende wieder in den Familienausschuss zurückzukehren verbieten die parlamentarischen Gepflogenheiten. Sie will sich nun in Europas Sozialpolitik einarbeiten. Wenn sie von ihren politischen Plänen spricht, redet sie ohne Punkt und Komma: „NächstesJahristdasJahrderFreiwilligenarbeit.Dagibtesvielzutun.“

Es ist fast so wie vor zehn Jahren, als Kerstin Griese für den damaligen Wehrbeauftragten Penner nachrückte. Mit einem Unterschied: Sie kennt die Wege. Ihren Job bei der Diakonie kann sie nicht sofort aufgeben, will ihn aber auf eine halbe Stelle reduzieren. „Ich nehme mein Mandat ernst“, betont sie. Eines hat sie gelernt: „Oft habe ich bei Veranstaltungen gesagt, dass Politik nur ein Mandat auf Zeit ist.“ Leicht ging ihr dieser Spruch über die Lippen. Der Bedeutung ist sie sich nun bewusster.

Fabienne Piepiora

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