Langenberger Professor arbeitete in der ganzen Welt

Pfarrer Volker Basse verabschiedete Komponist und Organist Professor Wolfgang Stockmeier nach 52 Jahren.
Pfarrer Volker Basse verabschiedete Komponist und Organist Professor Wolfgang Stockmeier nach 52 Jahren.
Foto: frei
Was wir bereits wissen
Nach 52 Dienstjahren ging Professor Wolfgang Stockmeier in den Ruhestand. Dennoch bleibt er den Orgelliebhabern erhalten: zur Marktzeit und bei besonderen Ereignissen

Langenberg..  Vor kurzem hat er seinen Kantorendienst in der Bonsfelder Kirche nach 52 Jahren beendet. Aber das war nur eine Aufgabe so nebenher, um sich zu „erden“, Boden zu gewinnen, Heimat zu pflegen. Denn eigentlich ist er in der Welt zu Hause: Wolfgang Stockmeier.

Mit Dankbarkeit denkt Stockmeier an sein Leben zurück. Eigentlich sei er „immer ganz zufrieden“ gewesen. Vieles sei ihm zugefallen, man habe ihm die Wege gebahnt, die Situationen hätten sich eben so ergeben. Aber diese Aussage ist nur der Ausdruck seiner Bescheidenheit. In Wirklichkeit muss man annehmen, dass die seinen Lebensweg Begleitenden rasch seinen Genius erkannt haben und seinen beruflichen Weg in die richtigen Bahnen gelenkt haben.

Seine Mutter war Pianistin – wie er sagt „hochkünstlerisch empfindend und realistisch denkend“- sie gab ihm den ersten Klavierunterricht und brachte ihn noch als Kind in das Witte-Konservatorium (Vorläufer der Folkwang-Hochschule Essen). Der Vater war im Bergbau tätig, spielte aber hervorragend Geige. Auch Theorie und Gehörbildung - zunächst in kindgerechten „Dosen“ - gewannen immer breiteres Band, so dass das Kind Stockmeier mit neun Jahren den ersten Gottesdienst in Bottrop an der Orgel mitgestalten konnte. Nur am Pedal gab’s der Beinlänge wegen noch Schwierigkeiten. Schon damals hatte Stockmeier Unterricht bei dem Kirchenmusiker Szach, den er, wie er gesteht, sehr geliebt und sehr viel zu verdanken habe.

1943 kam für Stockmeier das „Schicksalsjahr“: er kam in die Kinderlandverschickung, das hieß die Trennung von den Eltern. In der Kinderlandverschickung ging es weiter mit dem Orgelspiel. Stockmeier erinnert sich mit Schmunzeln daran, wie er 13-jährig allein mit Pferd und Schlitten über einen verschneiten Pass in den Bergen zum nächsten Ort zum Orgelspiel gefahren ist. Nach dem Krieg ging es auf Schleichwegen mit dem Vater zur Mutter im Osten. Alle Drei kamen später wohlbehalten nach Essen zurück, wo der junge Stockmeier in der Folgezeit den humanistischen Zweig des Burggymnasiums besuchte. Er fühlte sich Sprachen verbunden und studierte neben Schulmusik Latein und Germanistik, promovierte darin und ging in den Schuldienst. Offenbar hatte er noch keine klare Vorstellung von seiner Berufung, auf die ihn der Leiter des Kölner Bachvereins aufmerksam machte: „So ein Unsinn mit der Philologie“, er müsse Musik studieren. So kam dann eins aufs andere: Studium Musikhochschule Köln, Vertretung des Kompositionslehrers, dessen Nachfolger, Professur mit 29 Jahren, neben Komposition und theoretischen Fächern immer mehr Orgelschüler, die Leitung des Ev. Kirchenmusikinstitutes Köln.

„Und dann“, sagt er. „dann packte mich der Ehrgeiz“. Es gab drei Musikhochschulen in Deutschland: Neben Köln Berlin und München. „Da musst du was draus machen“ – nach harter Arbeit bewirkte sein Ruf, dass immer mehr Studenten kamen: aus der ganzen Welt, München und Berlin waren überflügelt.

Wohnzimmer statt Empore

1996 konnte er in den Ruhestand eintreten und die schöpferische Zeit begann erst recht: Kompositionen und Orgelkonzert-Tourneen. Meist begleitet von seiner Frau oder von seiner Kusine, die ihm die Register zogen. Ein Organist ist mit an die 150 Registern bei den Riesenorgeln in manchen Orten doch manchmal überfordert.

Eine Erkrankung zwang ihn, sich auf seine häusliche Atmosphäre zu konzentrieren. Das Orgelspiel ist ihm aber weiter vergönnt. Der 83-Jährige braucht nicht mehr auf Orgelemporen zu steigen, er hat seine Orgel im Wohnzimmer! Und er kann sich nun seiner Familie widmen. Sein „Goldstück“ ist ihm seine Tochter. Sie ist ihm in seine Fußstapfen gefolgt, und er begleitet sie ab und zu bei ihrer Kantorentätigkeit in Herten.

Aber so ganz brauchen wir auf seine Kunst nicht zu verzichten: Die Musik zur Marktzeit wird von ihm weiter mitgestaltet.

Stockmeier ist vielseitig – Organist interpretiert und komponiert

Fast die ganze Welt hat Professor Wolfgang Stockmeier bereist und Orgelkonzerte gegeben. Russland, so gesteht er, sei sein Lieblingsland gewesen, Petersburg seine bevorzugte Stadt. Dabei könne der heute 83-Jährige gar nicht so recht sagen warum. Wahrscheinlich sind die Russen besonders empfänglich für Orgelmusik durch deren Fehlen in den orthodoxen Kirchen.

Ein außergewöhnliches Erlebnis war sein Spiel auf der größten Orgel der Welt in Riga. In Lissabon - so erinnert er sich gerne - überraschte ihn, dass man ihm sagte, er habe die Erstaufführung von Bachs Kunst der Fuge dargebracht. Johann Sebastian Bach ist natürlich sein Favorit - er hat auch das gesamte Orgelwerk von Bach auf CD eingespielt - aber sein Spektrum ist weit gesteckt vom Barock bis in die Moderne. Entdeckt hat er den Komponisten Karg-Ehlert, ein Komponist aus Leipzig um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert im spätromantisch-impressionistischen Stil.

In Kürze wieder zu hören

Eigene Kompositionen hat Stockmeier in einer Vielzahl aufzuweisen. Allein 30 CDs füllen seine Kompositionen, darunter drei Sinfonien, von denen eine möglicherweise nächstens in Langenberg aufgeführt wird. An Orgelkompositionen konnte man von ihm in Langenberg ja schon eindrucksvolle Werke hören.

Gefragte Expertenmeinung

Professor Stockmeier wird oft als Orgelexperte beim Orgelbau oder bei Orgelrestaurierungen herangezogen. So auch vor der vor kurzem erfolgten Orgelrenovierung in der Alten Kirche in Langenberg. Der erste Vorschlag von Stockmeier erwies sich als zu teuer. Auch ein zweiter Vorschlag wurde abgewiesen. Erst ein dritter, nun sehr abgespeckter Plan wurde angenommen, Doch dieser Plan erwies sich als Glücksfall: Durch die Notwendigkeit , alte Orgelpfeifen wiederzuverwenden, entdeckte man ganze Register einer früheren Orgel, die sich nicht nur als brauchbar, sondern auch als kostbar erwiesen. So konnte dann doch wider Erwarten eine leistungsfähige, weitgehend ohne große Kompromisse wiederhergestellte Orgel eingerichtet werden. Die Kunst war es aber, zehn romantische Register mit zehn barocken Registern zu vermengen und zu einem einheitlichen Klang zu verbinden, was Stockmeier gelungen ist, und er sich darüber befriedigt äußert.

Will wieder im Bürgerhaus spielen

Im letzten Jahr konnte man das erneuerte Instrument dann auch schon bewundern. Vor allem dürfte vielen noch das Konzert mit den beiden Kantoren Stockmeier und Nowitzki in Erinnerung sein, die vierhändig die Orgel ausloteten von Barock bis Bolero und die Zuhörer damit von den Sitzen rissen.

Und wenn das Bürgerhaus wieder die Orgel bekommt, wird er auch dort konzertieren. Wir freuen uns darauf.