Kein Platz für Sitzenbleiber
13.07.2010 | 18:25 Uhr 2010-07-13T18:25:00+0200
Nach den Sommerferien starten auch die ersten Velberter Schüler in die Turbo-Abitur-Jahrgänge.
Während bisher Abiturienten 13 Schuljahre vor ihren Prüfungen absolviert haben, muss dieser Jahrgang es erstmals in zwölf (vier Grundschuljahren plus acht Jahre weiterführende, daher der Name G8-Abitur) schaffen. „Zunächst einmal ganz schön verwirrend“, findet dann auch Oberstudiendirektor Werner Schuhmacher-Conrad, der das Nikolaus-Ehlen Gymnasium leitet.
„Aber eigentlich ist es ganz einfach“, fährt er seine Erläuterungen fort, „nach den Sommerferien beginnt für die jetzige Klasse 9 die Vorbereitung auf das Abitur. Das gleiche gilt auch für die jetzige 10. Klasse. Beide werden dann gemeinsam in die Einführungsphase der Oberstufe gehen.“ Somit fällt für die jetzige 9. Klasse das zehnte Schuljahr weg. „Wir haben jetzt auch keine 11., 12. und 13. Klasse mehr“, ergänzt Axel Plitsch, Studiendirektor des Städtischen Gymnasiums in Langenberg. „Stattdessen findet ab der bisherigen 10. Klasse die Einführungsphase in die Oberstufe und in den zwei Jahren danach die Qualifikationsphasen I und II statt.“
Um den Wissensstand beider Klassen anzugleichen, werden sie in der Einführungsphase in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und in den Fremdsprachen getrennt unterrichtet. „Die jetzige Neun erhält zusätzlich Vertiefungskurse“, so Schuhmacher-Conrad. Ab der Qualifikationssphase I wird dann gemeinsam unterrichtet.
Bleibt die Frage, was mit den Sitzenbleibern der aktuellen 10. Klasse passiert, wenn es nach den Sommerferien keine reguläre 10 mehr gibt? „Wir haben in diesem Jahr nur drei Schüler, die das Klassenziel nicht erreicht haben und die haben im Moment noch die Chance, über ihre Nachprüfungen nachzuziehen“, antwortet der NEG-Schulleiter ganz entspannt. „Wenn tatsächlich der Fall eintreten sollte, dass sie es nicht schaffen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder lassen sie sich per Antrag um zwei Jahre in die 9. Klasse zurückversetzen oder sie treten ebenfalls in die Vorbereitungsphase der Oberstufe ein.“ Somit bliebe für diese Schüler der Wiederholungseffekt aus, was der Oberstudiendirektor nicht so schlimm fände. „In der Oberstufe haben sie dann günstigstenfalls die Möglichkeit, die Fächer in denen sie sitzen geblieben sind – wie etwa Latein oder Französisch – einfach abzuwählen.“
Ähnlich sieht es im Geschwister-Scholl Gymnasium aus. „Dank früh einsetzender Förderungsmaßnahmen haben wir in diesem Jahr nur zwei Schüler der 10. Klasse, die eine Nachprüfung machen müssen“, freut sich Oberstudiendirektorin Angelika Vogt. „Mit den speziellen Stützungskursen, die für sie in den Sommerferien stattfinden, haben sie gute Chancen, die Versetzung auch zu schaffen.“
So weit hat man es Gymnasium Langenberg erst gar nicht kommen lassen. „Wir haben in diesem Jahr keine Sitzenbleiber“, freut sich Schulleiter Axel Plitsch. Bereits vor zwei Jahren wurde an dieser Schule – nach einer Auswertung der Lehrentwicklung – damit begonnen, schwächere Schüler gezielt zu fördern. „Dafür haben wir an der Initiative ‚Komm Mit! - Fördern statt Sitzenbleiben’, die gemeinsam vom Schulministerium und den NRW-Lehrerverbänden ins Leben gerufen wurde, teilgenommen.“ Dank dieser erhalten gefährdete Schüler rechtzeitig Auffrischungskurse, um bestehende Lücken zu schließen.
Bei aller Euphorie darüber, dass es alle Schüler in die Oberstufe geschafft haben, hat der Schulleiter dennoch auch die damit einhergehenden Belastungen im Blick: „Die Fünft-Klässler starten ja inzwischen schon mit 30 bis 32 Wochenstunden. Ab der 8. Klasse haben die Schüler eh schon an zwei Tagen Unterricht bis in die Nachmittagsstunden, um das G8-Abitur bewältigen zu können. Für die geförderten Kinder kommt dann noch ein weiterer langer Tag hinzu.“
Überhaupt hätte er sich mehr Zeit für die Umsetzung der neuen Schulform gewünscht. „Weil alles so schnell gehen musste, fehlen uns immer noch ein großer Teil der Bücher. Die Neuanschaffungen kosten Geld und sind nur nach und nach möglich.“ Ein Einwand, den auch der NEG-Leiter teilt: „Die Einführungsphase war einfach schlecht geplant, was wohl auch den vielfach schlechten Ruf des Turbo-Abis begründet.“ Dennoch kann er der neuen Schulform Positives abgewinnen: „Die Entwicklung der Schulen geht immer mehr zum Ganztag hin. In anderen Ländern sind solche Wochenstundenzahlen, wie wir sie jetzt haben, längst üblich. Ich finde es heutzutage nicht mehr angebracht, junge Menschen 13 Jahre in der Schule zu halten. Viele jobben in dem Alter schon.“
18:02
Klar, die Qualität von Schule muss erhöht werden, und das 67,5-Minuten-Modell kann vielleicht dazu beitragen.
Nicht zur Verbesserung der Qualität kann der Wegfall eines ganzen Schuljahres einer weiterführenden Schule führen. Besonders die Jungs als Spätentwickler sind hiervon betroffen.
15:37
Als ich mein Abitur gemacht habe, gab es regelmäßig sechs Unterrichtstage in der Woche.
Der Samstag wurde dann auf die übrigen fünf Tage umgelegt, was zwangsläufig zu einer Verdichtung von Unterricht führte.
Dann hat Püppi Sommer beschlossen, ein ganzes Schuljahr zu streichen, wobei der Stoff wieder oben drauf gepackt werden musste.
Gehts noch?
Merke: Es gibt noch ein Leben nach der Schule! (Zumindest sollte es das).
14:42
@Luzi Pesta;
Klar richtet sich dies in erster Linie gegen die Schule. Doch durch die Umstellung der Schulstunde von 45 Minuten auf 67,5 Minuten gibt den Kindern trotz dem Abi nach 8 Jahren immer noch genügend Freiraum am Nachmittag, denn hierdurch entfällt eine Menge an Hausaufgaben und des Nachlernens.
Und ich möchte hier auch einmal den zum Teil übertriebenen Druck der Eltern an die Kinder erwähnen. Heutzutage ist eben nicht jeder für das Gymnasium geeignet und kann sich darüber hinaus in jedem Fach zusätzliche Nachhilfe leisten. Denn entweder kann es ein Kind ohne übermäßigen Aufwand das Niveau erreichen oder man sollte sich eine andere Schulform auswählen.
13:26
Diese sogenannte Turbo-Abi ist ein Diebstahl der Kindheit ( http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,528522,00.html ) und nichts anderes als eine verkappte Sparmaßnahme auf Kosten der Schüler.
Als ob das Leben ein Wettrennen wäre. Wenn man junge Männer wirklich schneller in den Beruf bringen wollte, hätte man schon längst die völlig überflüssige und diskriminierende Wehrpflicht abschaffen können.
Die Erfahrungen von der Ehrliche sprechen lediglich gegen die Schule, die er oder sein Kind besucht, aber keinesfalls für ein G8-Abi. Die landesweiten Erfahrungen von Schülern und Eltern mit der Reform dieser Reformchaotentruppe, die abgewählt wurde und jetzt endlich auch aus dem Amt getrieben wird, sind ganz andere.
10:21
Ich finde es unverantwortlich, die Forderungen der Wirtschafts (schneller, höher, weiter) auf den Rücken unserer Kinder durchzusetzten.
Ich hoffe, dass auch zukünftig wenig Kinder in Europa geboren werden, damit Fachkräfte noch rarer werden.
06:57
Es darf alles nicht wahr sein, dass immer wieder mit dem Begriff Turbo-Abi Stimmnung in die falsche Richtung gemacht wird.
Ich habe es kürzlich schon einmal geschrieben. Es ist möglich das Abitur nach 12 Jahren, ohne Mehraufwend, zu schaffen.
Denn schaut man sich die Zeiträume vor den Ferien an, muss man feststellen, dass sich in den Schulen nicht mehr viel tut!
Also, was tut sich 2, 3 sogar 4 Wochen vor Beginn der Ferien (...hier aktuelll Sommerferien).? Um es kurz zu fassen NICHTS!
Die Schüler werden nur noch in der Schule festgehalten und sinnlos/frei beschäftigt. Die Frei/- u. Vertretungsstunden haben die Oberhand übernommen und die Lust der Lehrer geht Richtung null. Die Ausfallstunden will ich garnicht zusammen rechen.
Oftmals viel bei meiner Tochter in der Klasse sogar der Satz:...ich habe heute keine Lust, was machen wir? Welchen Film schauen wir uns an?
Nochmal!!
So lange Seitens der Schulen nicht die zur Verfügung stehende Schulzeit effiktiv genutzt wird, brauch mir keiner mit der Frage kommen: Wie soll das blos geschafft werden? Denn rechnet man diesen jährlichen Leerkauf zusammen kann man locker dieses eine Jahr kompensieren.
Man überlege sich nur einmal die Konsequenzen, wenn ich vor den Sommerferien mein Kind mal 1-2 Tage eher aus der Schule nehmen möchte, um ggf. günstiger in den Urlaub zu kommen!!