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Zufluchtstätte Frauenhaus

Hingeguckt

11.12.2009 | 18:09 Uhr
Hingeguckt

Velbert. Anna ist schon wieder „die Treppe runter gefallen”. Ein Schicksal von vielen. Eine Außenstehende beweist Mut

Ein Zuhause wie aus der Werbung. Die glückliche Familie: Mutter, Vater und zwei gut geratene Kinder. Glück pur. Man kann sich 'was leisten. „Wie im Bilderbuch”, sagt Anna (Name von der Redaktion geändert).

Die Lippe aufgeplatzt. Grün-blaue Hämatome auf den Wangen und um die Augen herum. Anna ist „nur gestürzt, die Treppe heruntergefallen”. Das passiere ab und zu. Sie könne halt schlecht sehen. Und der dreijährige Sohn, blaue Flecken übersäen seinen Unterarm, wollte die Mama auffangen, als sie gestürzt ist. Der Kleine fängt sie wohl öfter auf. Hingeguckt, nicht weggeschaut, hat die Leiterin des Kindergartens, den der Kleine, der schon viel mehr Mann sein muss als er tatsächlich sein kann, besucht. Die Erzieherin schaltet fix. Vermutet sie doch längst, dass die gerade mal 30 Jahre alte Anna viel mehr sieht, als sie sehen möchte. Und den Sohn nicht nur blaue Flecken auf den Unterarmen schmerzen. Sie bewegt Anna zum Gespräch, Anna bricht in Tränen aus – und erzählt.

Ihr Mann, der Vater ihrer beiden Kinder „ist so ein gütiger, liebevoller, verständnisvoller Vater...” Anna erstickt fast an ihren eigenen Worten, sieht in die wohlwollenden aber ungläubigen Augen der Erzieherin und weiß, dass sie ihren Mann nicht mehr schonen kann, aufhören muss mit den Lügen. Sie fällt in einen Weinkrampf und endlich kommt die Wahrheit heraus. Sie wird geschlagen, regelmäßig. „Immer dann, wenn mein Mann schlechte Laune hat, cholerische Anfälle kriegt und seine Wut loswerden muss.” Wut auf wen? Das weiß Anna auch nicht. Kümmert sie sich doch um den Nachwuchs, versorgt die Familie, erledigt den Haushalt. „Und er hat eine gute Stellung, verdient nicht schlecht, ist in der Firma gut gelitten.” Alkohol trinkt er sehr selten. „Eigentlich könnte es der Familie so gut gehen.” Könnte... Wenn er sich nur im Griff hätte.

Im Wahn droht er, Anna umzubringen, ganz langsam. Sie zu erwürgen. Vor den Augen und Ohren des Drei- und der Fünfjährigen. Sie schreit, kein Nachbar regt sich. Lediglich die Schwiegermutter, die mit im Hause lebt. „Aber sie hört weg.” Hat sich an das Geschrei gewöhnt, würde ihrem Sohn niemals das Familienglück zerstören wollen.

In einer Nacht- und Nebelaktion verlässt Anna mit den Kindern das Haus. „Ohne Gepäck, ohne alles, nicht einmal ihren Ausweis habe ich in der Aufregung eingesteckt, kein Portemonnaie, nichts.” Sie zittert am ganzen Körper, hat Todesangst, dass der Gatte vorzeitig vom Geschäftsessen heimkommt. Unten auf der Straße wartet ein Auto. Die Kindergartenleiterin hat an alles gedacht, auch eine Bleibe für Mutter und Kinder gefunden: im Frauenhaus des Kreises Mettmann. Hat den Kontakt hergestellt und in Windeseile eine Unterkunft für die Fliehenden besorgt.

Diese Geschichte ist leider wahr. Passt haargenau in die Schicksale der Frauen und Kinder, die im Frauenhaus Zuflucht gefunden haben. Die Frauen kommen aus allen sozialen Schichten, gleich ob aus Unternehmer-, Handwerker-, Facharbeiter-, Arbeitslosen- oder Akademiker-Haushalten. Wobei Alkohol und Geldmangel durchaus Ursachen für die Gewalt in der Familie sein können.

Anna bleibt mit ihren Kindern sechs Monate im beschützten Domizil. Weit länger als üblich. Sie erfährt hier Wärme, Betreuung, lernt durch Therapien ganz langsam, ihre Angst und Traumata zu überwinden. Verlieren wird sie sie niemals. Die Kinder sind bei ihr. Das hilft. „Wenn sie nicht wären, hätte ich mich längst umgebracht”, sagt Anna. Niemand wird sie ihr wegnehmen.

Das alles ist nun über drei Jahre her. Heute lebt sie mit ihren beiden Kindern in einer Wohnung, nimmt das Beratungsangebot des SKFM an, der das Frauenhaus im Kreis Mettmann trägt. Sie ist noch nicht geschieden. Kontaktversuche des Ehemannes und Vaters blockt sie – mit Hilfe der Behörden – ab. „Irgendwann bin ich soweit, meinem Mann ohne Angst begegnen zu können und den Kindern einen Kontakt mit dem Vater zu erlauben.” Irgendwann...

"Wir finden immer einen Platz"

„Im Frauenhaus können die Frauen mit ihren Kindern so lange bleiben, wie es für ihren psychischen Zustand und ihre Sicherheit wichtig ist”, so Rita Rüttger, Leiterin Frauenhaus, Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt beim SKFM. Die durchschnittliche Verweildauer betrage 50 Tage. Im Anschluss an den Frauenhaus-Aufenthalt betreut der Sozialdienst katholischer Frauen und Männer die Frauen weiterhin in ihrer neuen Wohnung. Hier hilft der SKFM bei der psychologische Betreuung aber auch beim anschließend notwednigen Umgang mit den Behörden.

Das Frauenhaus im Kreis Mettmann bietet acht Frauen mit ihren Kindern Platz. Um sie kümmern sich zwei Sozialpädagoginnen, eine Erzieherin und eine Ergänzungskraft, die auch im Haushalt mithilft. „Das Haus ist immer gut belegt”, so Ritta Rüttger.

Und wenn das Haus belegt, aber eine Frau in Not ist? „Wir sind sehr gut vernetzt mit weiteren Häusern in der Region”, so Rita Rüttger. „Wir finden immer einen Platz.” Zum Schutz der Frauen gehöre auch, dass sie und ihre Kinder möglichst nicht in der Stadt, in der sie wohnen untergebracht werden. „Zu ihrem eigenen Schutz”, so die Leiterin.

Sie weiß aus Erfahrung: „Die meisten Frauen gehen anschließend nicht mehr zurück zu ihrem Mann.” Und ergänzt: „Die meisten Frauen, die umkommen, kommen durch ihren Mann um.”

Anlaufstellen

Der SKFM bietet an: die „Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt” 02104/1419-221. Dieser Stelle wurden in 2006 genau 260 Fälle gemeldet, in 2007 waren es 207, in 2008 genau 248 und in diesem Jahr bereits 281 (bis November). Laut Rita Rüttger, Leiterin Frauenhaus und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, „ist die Zahl der Fälle statistisch gestiegen, die Dunkelziffer aber weiterhin eher viel höher. Doch trauen sich seit in Kraft treten des Gewaltschutzgesetztes deutlich mehr Frauen, sich zu melden.”

Das Frauenhaus ist rund um die Uhr zu erreichen unter 02104/922-220. In 2007 fanden 61 Frauen dort Zuflucht, in 2008 genau 68 und in diesem Jahr (bis November) 51.

Weitere Anlaufstellen: SKFM-Wohnprojekt, 02104/1419-224; „Zinnober”, Hilfe bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, 02051/5 30 86; Weißer Ring, 02104/982-1066; Opferschutz der Polizei, 02104 / 982-1067.

Ellen Wiederstein

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