Griechen in Velbert diskutieren Tsipras-Kurs

Wenn EU-Finanzminister und die griechische Regierung nicht zusammenkommen, ist der „Grexit“, der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, nicht mehr ausgeschlossen.
Wenn EU-Finanzminister und die griechische Regierung nicht zusammenkommen, ist der „Grexit“, der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, nicht mehr ausgeschlossen.
Foto: dpa
Der Druck auf Griechenland nimmt zu – und in Velbert lebende Griechen diskutieren überaus emotional über die Zukunft ihres Herkunftslandes

Velbert..  Die Euro-Finanzminister bleiben hart und treiben die griechische Links-rechts-Regierung zunehmend in die Enge; bis Freitag läuft eine letzte Frist, das aktuelle Reformprogramm fortzusetzen. Den zunehmenden Druck spüren auch die in Velbert lebenden Griechen, an vielen Orten in der Stadt wird lebhaft diskutiert, ob der Kurs offener Konfrontation der Tsipras-Regierung richtig sei – so auch an der Oststraße.

Achilleas ist 40 Jahre alt und wie seine beiden Freunde möchte er bei besagtem Thema seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich habe für die neue Regierung überhaupt kein Verständnis“, regt er sich auf. „Ich kaufe eine Wohnung und schließe Finanzierungsverträge mit meiner Bank über Jahrzehnte – da kann ich nicht in drei Wochen hingehen und sagen: Lasst uns neue Bedingungen aushandeln, die Raten sind mir zu hoch!“

Dafür gibt es wenig Verständnis bei dem 61-jährigen Krateos, der früher in der Gewerkschaft aktiv war. „Will die EU erst erleben, dass meine Schwestern und Brüder aus Armut und Verzweiflung von der Brücke springen?“ Das Land sei durch die „unmenschlichen Forderungen“ völlig ausgepresst, „die Menschen sind kaputt!“ Alexis Tsipras sei der Mann seines Vertrauens, sagt Krateos, der genug Rückgrat habe und vor „Merkel & Co.“ nicht einknicke.

Verhältnis belastet

Ioannis, der jüngste in der Gruppe, ist 22 Jahre alt, er hat noch viele Familienmitglieder in Griechenland, mit denen er über Telefon und Skype verbunden ist. „Dass die jetzt mit ihrem Schlendrian aufhören müssen“, findet er grundsätzlich gut, Korruption und Vetternwirtschaft habe seit jeher das Land gelähmt. „Reformen müssen aber mit Augenmaß durchgeführt werden“, findet der gelernte Bäcker. „Wenn alle entlassen werden, zahlen auch bald keine Griechen mehr Steuern, auf die der Staat doch dringend angewiesen ist“, gibt Ioannis zu bedenken. Insofern schließt er sich sich der Einschätzung des neuen Regierungschefs Tsipras’ an, der das „Spardiktat“ der EU als Problem Griechenlands, nicht aber als die Lösung bezeichnet.

Ioannis und Krateos sehen im Zuge der politischen Auseinandersetzung das traditionell gute Verhältnis zwischen Griechenland und Deutschland gefährdet. Beinharte Positionen, wie sie Finanzminister Schäuble und auch die Kanzlerin gegenüber der griechischen Regierung vertreten, förderten eine Eintrübung des Deutschlandbildes in ihrem Herkunftsland. „Viele Griechen erinnern sich jetzt wieder an das Dritte Reich, wo die Wehrmacht die Griechen unterjochen wollten“, sagt Krateos.

Der Obsthändler Petros hat bereits eine Veränderung bei einigen seiner Kunden festgestellt. „Die setzen mich gleich mit den Vertretern der Tsipras-Regierung und schimpfen über alle Griechen“, sagt er. Petros hat den Konflikt um die Milliardenkredite für Griechenland genau verfolgt und findet Schuldige auf allen Seiten. „Die Prüfung, ob Griechenland für den Euro überhaupt geeignet ist, waren nicht streng genug“, sagt der Obsthändler. „Wahrscheinlich wäre allen Beteiligten einiges erspart geblieben, hätten die Griechen die Drachme behalten.“

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