Endlich menschenwürdig leben
09.08.2012 | 18:47 Uhr 2012-08-09T18:47:00+0200
Velbert. Mehr als ein Jahr lang hat der afghanische Flüchtling mit seiner jungen Frau Leila und Töchterchen Sara im Übergangswohnheim an der Talstraße gewohnt – man muss sagen: gehaust.
Seit 25 Tagen ist Ahmad Ahmadi wieder ein Mensch. Oder besser: „Jetzt kann ich mich wieder so fühlen“, wie er in gebrochenem Deutsch sagt. Mehr als ein Jahr lang hat der afghanische Flüchtling mit seiner jungen Frau Leila und Töchterchen Sara im Übergangswohnheim an der Talstraße gewohnt – man muss sagen: gehaust. Dutzende Bewohner teilten sich hier eine Dusche, die maroden Zimmer waren feucht. Jetzt hat die Stadt in einem ersten Bauabschnitt drei der Gebäude kernsaniert, am 16. Juli war der Einzugstermin für 90 der rund 200 Asylbewerber.
Zwei Jahre lang auf der Flucht
In freundlichem Gelb und Orange ist die Außenfassade des erneuerten Gebäudekomplexes gehalten – kaum größer könnte der Kontrast sein zu den schwarz-grauen Schindeln gegenüber an den Häusern, die noch nicht modernisiert sind. Im Januar 2013 sollen auch sie umgebaut sein, 1,9 Millionen Euro kostet der Umbau insgesamt, 950 000 hat der erste Bauabschnitt verschlungen – die Mittel stammen aus dem Verkauf der Wohnheime in Losenburg an die Wobau. „Ein Bau wie dieser gehört leider nicht zu den populären Projekten, für die wir viel Rückenwind bekommen“, sagt Bürgermeister Stefan Freitag. Doch die Gesellschaft müsse in der Lage sein, die Notleidenden aufzunehmen. Die Forderung der Linkspartei und des Flüchtlingsrats, nach der Asylbewerber nicht mehr alle an einem Ort, sondern dezentral in Privatwohnungen untergebracht werden sollen, lehnt die Stadt ab. „Finanziell wäre das nicht zu stemmen“, sagt Freitag und Astrid Weber vom Bürgeramt ergänzt: „Ein weiterer Vorteil ist, dass die Menschen, die hier leben, sich gegenseitig helfen.“
Ahmad Ahmadi gehört zu den Menschen, die hier leben. Höflich bittet der zuvorkommende Mann in seine Wohnung, zeigt das frisch gestrichene Wohnzimmer, die Küche, das Bad. Er und seine Familie seien „sehr dankbar“, sagt der 36-Jährige immer wieder – es scheint ihm wichtig, das zu betonen. Dankbar kann er sein, dass er und seine Familie überhaupt noch leben, denkt man, während er von der Flucht erzählt. Ali Reza, Ahmads zehnjähriger Neffe, der mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder nebenan wohnt und eine hiesige Schule besucht, dolmetscht da, wo seinem Onkel deutsche Wörter fehlen: „Es gab jeden Tag Schüsse, Krieg. Und die Taliban verübten Anschläge. Da mussten wir weg“. Zwei Jahre habe die Odyssee über die Türkei und Griechenland gedauert, bis sie schließlich in Deutschland ankamen. Weite Strecken mussten sie zu Fuß gehen, erzählt Ahmads Frau Leila, Tochter Sara war da noch keine drei Jahre alt. Heute ist das Mädchen sechs – und freut sich auf ihre Einschulung, an die Flucht vor ein paar Jahren erinnert sie sich kaum. Ganz allmählich gewinnt das Familienleben an der Talstraße wieder ein bisschen an Normalität. Auch wenn Vater Ahmad, der Schneider ist, gerne wieder arbeiten würde – was er als Asylbewerber nicht darf. „Das dauert“, sagt er – Geduld zu haben, das hat er gelernt.
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