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WAZ-Serie Mobilität

Einkaufen im Hindernisparcours

21.09.2012 | 06:00 Uhr
Einkaufen im Hindernisparcours
Bordsteinkanten bremsen Ralf Raddatz komplett aus. Weil es an Absenkungen mangelt, muss der Rollstuhlfahrer oft lange Umwege in Kauf nehmen, um von von einer auf die andere Straßenseite zu kommen.Foto: Peter Sieben

Velbert.   Bei einer Tour durch die Innenstadt zeigt Rollstuhlfahrer Ralf Raddatz Barrieren auf: Stufen und fehlende Behindertentoiletten machen ihm das Leben schwer.

Mobilität – was bedeutet das eigentlich? Beweglich und sportlich sein? Möglichst schnell und flexibel von A nach B kommen? Für Ralf Raddatz fängt Mobilität da an, wo er ohne Probleme in ein Geschäft oder ein Restaurant gelangt. Der 48-Jährige sitzt im Elektro-Rollstuhl. Er ist Spastiker, mehr als ein paar Meter gehen kann er nicht. Bei einer Tour durch die Innenstadt zeigt Raddatz die Barrieren, die ihm das Leben schwer machen. Barrieren, die Menschen ohne Gehbehinderung gar nicht auffallen.

Wendemanöver unmöglich

„Das fängt schon an, wenn man mal dringend wo hin muss“, erzählt Raddatz. Gerade einmal drei Behindertentoiletten zählen wir auf unserer Tour: eine ist im „Kaufland“, eine im Rathaus, die dritte im Forum Niederberg. „Wir Rollifahrer können uns schlecht in die Büsche schlagen, das fällt ja sofort auf“, sagt er und lacht. An der Mettmanner Straße kommt er plötzlich nicht weiter. Ein Fahrrad steht vor dem Schaufenster einer Konditorei, blockiert den ohnehin schmalen Bordstein. Ein Wendemanöver ist unmöglich, links stecken Metallpoller im Bürgersteig. „So etwas passiert immer wieder“, sagt Raddatz und schaltet schon in den Rückwärtsgang. Doch zum Glück kommt der Radfahrer aus der Konditorei gelaufen, schiebt sein Vehikel beiseite. „Entschuldigung, da hab ich nicht nachgedacht“, sagt er.

So hilfsbereit sei nicht jeder: „Einmal bin ich über eine Bordsteinkante gefahren und aus dem Rollstuhl gefallen.“ Er habe eine ganze Weile hilflos dagelegen, bis ihm schließlich einer der zahlreichen Passanten half. Bordsteinkanten – ein ganz eigenes Thema für Raddatz. Absenkungen seien oft ungünstig angelegt, meist müsse er komplizierte Umwege in Kauf nehmen, um von einer auf die andere Straßenseite zu gelangen, sagt er. Ein simpler Einkaufsbummel ist für ihn ein Hindernisparcours. Die meisten Geschäfte an der Friedrichstraße sind nur über Stufen zu erreichen – für Raddatz unüberwindbar. „Rampen haben leider die wenigsten“, weiß Virginia Möller vom Verein ProMobil, die uns begleitet. Auch das Fahrradgeschäft Tüller, bei dem Raddatz Glühlampen für die Scheinwerfer seines Mobils kauft, hat Stufen. Hier muss er eine junge Passantin ansprechen, die für ihn die Verkäufer nach draußen holt. „Eine feste Rampe ist bei uns technisch leider nicht machbar“, sagt Christian Tüller. „Aber wir helfen immer gern, wenn’s irgendwie geht.“

In Restaurants isst Raddatz kaum noch. Die einzige wirklich barrierefreie Gastronomie hier „ist meines Wissens das Brauhaus“, sagt er. Ansonsten scheitert’s an fehlenden Toiletten und Stufen vor dem Eingang. Doch Stufen sind nicht das einzige Problem: „Eben-erdig darf man nicht mit barrierefrei verwechseln“, betont Möller. In vielen Läden sei zu wenig Platz. Tatsächlich: In ein Buchgeschäft kommt Ralf Raddatz ohne Probleme. Doch in der Hälfte des Ladens bleibt er zwischen Regalen stecken. „Solche Läden muss ich meiden, was bleibt mir übrig“, sagt er. Um die Ecke ist das Forum, hier leiht sich Ralf Raddatz gern mal ein Buch oder eine DVD in der Bibliothek aus. Nur durch den Seiteneingang gelangen Rollstuhlfahrer in die zweite Etage. „Das ist aber ein Geheimtipp“, sagt Raddatz. Denn einen entsprechenden Hinweis am Haupteingang gibt es nicht.

Von Peter Sieben



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