Eine moralische Instanz
13.08.2012 | 18:16 Uhr 2012-08-13T18:16:00+0200
Langenberg. Wenige Tage vor Vollendung seines 89. Lebensjahres verstarb Werner Ronig in einer Essener Klinik. Ein sehr persönlicher Nachruf auf ein Langenberger Original.
Werner Ronig ist tot. Wenige Tage vor Vollendung seines 89. Lebensjahres (am morgigen Mittwoch wäre sein Geburtstag gewesen), verstarb der Langenberger im Krankenhaus Essen-Kupferdreh.
Anlass für einen sehr persönlichen Nachruf. Es ist selten, dass man über einen Menschen ausschließlich Gutes hört. Werner Ronig war so ein Mensch. Mein Freund und Vorgänger Alfons van Bevern erzählte mir, als ich vor vier Jahren meine Stelle als Langenberg-Redakteur antrat, über diesen Mann: „Er ist überzeugter Kommunist, der wegen seiner Mitgliedschaft bei der KPD von der Werkbank weg verhaftet wurde. Der aber stets sagt: ‘Ich kann mir heute noch in die Augen gucken’. Und: Werner Ronig ist einer der ehrlichsten Menschen, die ich kenne. Dem würde ich jederzeit 50 Euro leihen, ohne irgendwas Schriftliches – da könnte ich mich tausendprozentig drauf verlassen, dass ich mein Geld zurück bekäme.“
Handschriftliches und Plattdeutsch
Später hatte ich dann selbst noch zahlreiche Begegnungen mit dem Langenberger Urgestein, dem ich das erste Mal bei meiner Vorstellung als neuer Langenberg-Redakteur mit der „Rollenden Redaktion“ auf dem Froweinplatz begegnete. Und weil ich seinen Namen nicht ganz richtig notiert hatte, wurde in meinem Zeitungsbericht aus ihm der Werner Honig – er hat es mir nie verübelt.
Im Gegenteil. Immer wieder besuchte er mich in der Redaktion, wenn er sich über eine Berichterstattung sehr gefreut oder über ein Ereignis oder einen Missstand in Langenberg sehr geärgert hatte. In gestochen scharfer Handschrift, meist mit dem Bleistift verfasst, brachte er mir seine Leserbriefe oder Denkschriften in die Redaktion. In seiner direkten, von großem Gerechtigkeitssinn geprägten und aufrechten Art wurde er für mich schnell zu einer moralischen Instanz. Und das, ohne im Geringsten moralisierend zu sein.
Fasziniert hat Werner Ronig mich immer wieder, wenn er ins Debattieren geriet. Voller Rücksichtnahme auf sein Gegenüber stets bemüht, Hochdeutsch zu parlieren, verfiel er doch mit zunehmendem Gesprächsengagement mehr und mehr ins Plattdeutsche, in die von ihm so sehr geliebte und meisterhaft beherrschte Sprache seiner niederbergischen Heimat. Oft fiel es mir schwer, ihn dann überhaupt noch zu verstehen – mit viel Geduld und einem listigen Augenzwinkern übersetzte er mir das eben Gesagte aber dann gerne noch mal ins Hochdeutsche.
Das letzte Mal sah ichWerner Ronig vor einigen Monaten, bei der Vorbereitung der Sonderseite zur Geschichte des Nizzatal-Freibades. Auch Werner Ronig hatte dazu einen Beitrag verfasst. In seinem Aufsatz erinnerte er sich daran, wie er im Hasenbrögel als Achtjähriger das Schwimmern gelernt hatte, wie er als Jugendlicher im Freibad seine Schwimmfähigkeiten verbessert und das Bad auch nach dem Krieg immer wieder besucht hatte, um dort nach der Arbeit oder am Wochenende „Frischluft zu tanken“, wie er es nannte.
Vor einigen Wochen stürzte Werner Ronig, kam ins Krankenhaus, zog danach ins Elisabeth-Stift um. Dort hatte ich ihn eigentlich am morgigen Mittwoch besuchen und ihm zum Geburtstag gratulieren wollen. Das Geschenk, die gerahmte Sonderseite zum Nizzabad mit seinem Beitrag darauf, lag schon in der Redaktion bereit. Nun wird er sie nie erhalten. Und auch das stimmt mich traurig.
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