Gesamtschule
Eine Chance für alle Kinder
11.02.2010 | 19:58 Uhr 2010-02-11T19:58:00+0100
Velbert. Interview mit dem scheidenden Schulleiter Gerd Schäfers, einem Mann der ersten Stunde
Der Mann der ersten Gesamtschul-Stunde räumt das Feld. Der Schulleiter Gerd Schäfers (63) geht in den Ruhestand. Nicht ganz freiwillig, sondern der Vernunft folgend, aus gesundheitlichen Gründen. Redakteurin Ellen Wiederstein sprach mit dem Fast-Pensionär Gerd Schäfers.
Sie sind nicht nur Leiter der Gesamtschule, sondern von dem Schulsystem auch überzeugt. War das von Anfang an so?
Schäfers: Die Gesamtschule als Schulmodell wird mittlerweile 40 Jahre alt. Und selbst die Velberter Schule, 1986 eröffnet, ist schon fast 24 Jahre alt. Die Gesamtschule mit ihrem System bietet allen Kindern eine Chance, leistungsschwächeren wie leistungsstärkeren. Und das gilt es zu fördern und zu unterstützen. Natürlich haben auch meine Kinder, beide sehr gute Grundschüler, ihr Abitur an einer Gesamtschule gemacht.
Die Anmeldezahlen belegen den Zuspruch. Mit wie vielen Schülerinnen und Schülern haben Sie angefangen, und wie viele unterrichten Sie heute?
Schäfers: Zu Beginn im Jahr 1986 haben wir fünfzügig mit 117 Schülern begonnen. Heute besuchen rund 1350 unsere Schule, etwa 300 davon in der Sekundarstufe II. Wir könnten Velbert noch viel mehr Abiturienten schenken, wenn wir noch sieben weitere Räume allein für die Oberstufe hätten. Zusammen mit der Gesamtschule Bleibergquelle können wir pro Jahr 238 Plätze anbieten, 176 davon bei uns, haben aber zusammen mittlerweile 470 Anfragen. Tendenz steigend.
Was wäre daraus zu schlussfolgern?
Schäfers: Ich kann der Velberter Politik nur den Rat geben: „Baut eine Schule der Zukunft. Die Gesamtschule ist eine Schule der Zukunft.” Der Elternwille in dieser Stadt ist bekannt.
Apropos Elternwille. Gab es nicht Mitte der 80er Jahre gerade in Velbert starke Bestrebungen, die Gesamtschule zu verhindern?
Schäfers: Ja, es gab sogar eine Bürgerinitiative, die die Gesamtschule verhindern wollte. Doch reichte dann der Elternwille aus, die Schule aufzubauen – in den Mauern des ehemaligen Neusprachlichen Jungengymnasiums. Heute ist die Gesamtschule nicht nur rehabilitiert, sondern etabliert.
Gibt es etwas, was Sie am jetzigen Gesamtschulmodell ändern, reformieren würden?
Schäfers: Ja. Die Aufteilung der Schüler nach Leistung sollte möglichst spät einsetzen, etwa in der neunten Klasse. Der Unterricht sollte weiter verbessert werden: viel weniger frontal und viel mehr schülerzentriert. Und ebenso noch viel mehr sollten Schwächere von Stärkeren lernen.
Wo meinen Sie, haben Sie persönlich gepatzt? Was haben Sie, im Nachhinein betrachtet, falsch gemacht?
Schäfers: Am Anfang habe ich völlig unterschätzt, was es bedeutet, eine Schule zu leiten. Ich musste lernen, wie man Personal führt oder auch mit Konfliktsituationen umgeht. Es kommt nicht darauf an, dass ich Ideen habe, sondern die Kollegen mitnehmen kann. Das musste ich lernen.
Sie gehen. Wie steht’s um Ihr Bauchgefühl?
Schäfers: Ich gehe mit gemischten Gefühlen: Wehmut, Zuversicht, Freude, Neugier und Zufriedenheit.
Was werden Sie mit der neu gewonnenen Zeit anfangen?
Schäfers: Gerne würde ich auch künftig etwas an der Schule mitarbeiten: in Arbeitsgemeinschaften, bei der Förderung benachteiligter Kinder oder Workshops für angehende Schulleiter anbieten. Und Zeit in meine Gesundheit investieren und mehr Sport machen.
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