Ein normales Leben führen
19.03.2010 | 18:58 Uhr 2010-03-19T18:58:00+0100
Velbert. Über die Arbeit und das Leben im Wohnheim der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung
"Die Nägel machen mir die Betreuer“, sagt Bärbel Franz und zeigt stolz ihre blau lackierten Fingernägel. Sie wirkt zerstreut und fast kindlich. Seit ihrer Geburt leidet die 56-Jährige am Down-Syndrom. Mit 30 Jahren bezog sie ihre eigene Wohnung im Wohnheim der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung am Wordenbecker Weg. Als sie versucht, ihren Alltag zu beschreiben, springt Heimleiterin Ursula Bornmann helfend ein. „Na, was machst du denn immer?“, fragt sie und schiebt einen unsichtbaren Gegenstand vor sich her. „Ach, ich nehme immer den Wagen“, erinnert sich Bärbel. Mit dem Speisewagen hilft sie gelegentlich beim Abräumen des Frühstückstisches. Zur Belohnung bekommt sie dann Cola oder etwas Schokolade.
Das Heim hat vier Wohnetagen, eine rote Ziegelfassade und großzügige Flure. Die Bewohner sind in vier Gruppen eingeteilt. Seit mittlerweile zwölf Jahren gibt es auch eine Seniorengruppe. Tagsüber puzzeln die Mitglieder gerne, malen, machen einen Spaziergang, stöbern in Katalogen oder spielen. „Besonders beliebt ist Mensch-ärgere-dich-nicht“, erzählt Sozialpädagogin Heidi Stehling, die die Seniorengruppe betreut.
Außer den Senioren sind gerade nur wenige Bewohner im Haus. Die meisten arbeiten tagsüber in der Werkstatt für Behinderte am Flandersbacher Weg. Bärbel, die gerne mal durchs Haus läuft, zeigt bereitwillig ihr Zimmer: Ein kleines Zwei-Bett-Zimmer mit angrenzendem Bad. Eine Couch und ein kleiner Tisch machen es gemütlich. An der Wand hängen Bilder von den Betreuern. „Die stibizt sie ganz gerne von der Diensttafel, nicht wahr, Bärbel?“, sagt Bornmann. Bärbel lächelt.
Ursula Bornmann leitet seit 22 Jahren das Wohnheim der Lebenshilfe. „Ich habe früher immer gesagt, dass ich nicht mit geistig Behinderten arbeiten möchte“, gibt sie zu und muss fast lachen. Heute macht der gelernten Sonderschullehrerin die Arbeit Spaß. „Sie geben einem so viel und freuen sich, wenn man Zeit mit ihnen verbringt“, erklärt sie.
„Einfühlsamkeit ist besonders wichtig“, findet auch Thomas Stumpf, der seit 2000 als Pfleger hier arbeitet. Wie bei Kindern müsse man auch mal Grenzen setzen können. „Man darf dabei aber nicht vergessen, dass es sich um Erwachsene handelt“, erklärt er. So spielen sexuelle Gefühle durchaus eine Rolle.
Ziel der Einrichtung sei, den behinderten Menschen ein „normales Leben zu ermöglichen“, so Bornmann. Die Bewohner können sich frei bewegen und selbst entscheiden, was sie tun wollen. So ist das Café gegenüber ein beliebtes Ausflugsziel. Zum Angebot gehören Sportkurse, ein Chor, aber auch Veranstaltungen der Volkshochschule. Jeder kann alles machen, aber „das hängt natürlich von den Fähigkeiten ab, die der Einzelne hat“.
Finanziert wird das Heim durch den Landschaftsverband Rheinland. Um die Spenden für zusätzliches Material oder Einrichtungen kümmert sich die Stiftung Lebenshilfe, die der Träger des Wohnheims ist. So konnte beispielsweise ein „Snoezelraum“ finanziert werden. Mit einem Wasserbett, Musik, verschiedenen Lichtern und Wassersäulen dient er der Entspannung und Verbesserung der Sinneswahrnehmung. Hin und wieder schlafen Bewohner dort ein oder bringen ihre eigene Musik mit. „Dann läuft hier auch mal bayerische Blasmusik zur Entspannung“, erzählt Bornmann. Überhaupt müsse man beachten, dass jeder so seine Eigenart hat, erklärt Thomas Stumpf. „Aber eigentlich hat ja jeder Mensch irgendeinen Tick. Hier sind sie nur etwas ausgeprägter“, lacht er.
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