Diakonie Velbert weist Wege aus der Schuldenmisere

Die Aktionswoche bei der Bergischen Diakonie läuft unter dem Titel „Arm und überschuldet - trotz Arbeit!“.  Fachbereichsleiter Jürgen Sevecke spricht mit einem Ratsuchenden.
Die Aktionswoche bei der Bergischen Diakonie läuft unter dem Titel „Arm und überschuldet - trotz Arbeit!“. Fachbereichsleiter Jürgen Sevecke spricht mit einem Ratsuchenden.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
300 neue Fälle jährlich verzeichnet die Schuldnerberatung der Diakonie. Ein Achtel der Hilfesuchenden arbeitet für einen Hungerlohn.

„Arm und überschuldet – trotz Arbeit“ ist in diesem Jahr die Aktionswoche der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AGB SBV), überschrieben. Jürgen Sevecke, Fachbereichsleiter der Schuldner- und Insolvenzberatung der Sozialen Dienste Niederberg machte zunächst den Unterschied zwischen „Schulden“ und „Überschuldung“ deutlich: „Überschuldung bedeutet, dass man nicht in der Lage ist, mit seinem Einkommen die laufenden Ausgaben wie Miete, Strom, Kosten für öffentliche Verkehrsmittel, also die Lebenshaltungskosten zu bestreiten und man so immer mehr in die Schuldenspirale reinrutscht.

Dieses Missverhältnis resultiert bei vielen aus prekären Arbeitsverhältnissen wie befristete Arbeitsverträge, Minijobs oder Leiharbeit.“ Die Anzahl der Menschen mit kleinen Jobs wachse an: „2013 arbeiteten in Deutschland 13,3 Millionen Menschen in prekären Verhältnissen. Bei uns in der Schuldnerberatung sind mittlerweile ein Achtel aller 300 Neufälle pro Jahr auf solche Arbeitsverhältnisse zurückzuführen.“

Schuldenberge wachsen schnell

Wie schnell man selbst in eine solche Verschuldung geraten kann, zeigt das Beispiel einer Betroffenen, die auf Bitte von Sevecke ihre Situation schildert: „Die Probleme begannen für mich nach der Scheidung. Mit meinem sechsjährigen Jungen kann ich nur 30 Stunden arbeiten gehen, so dass ich jetzt zu wenig verdiene, um den Lebensunterhalt bestreiten, aber auch zuviel, um irgendwelche Leistungen beziehen zu können.“ Mit den Schulden für den Scheidungsanwalt und Krediten, die sie noch aus der Ehe abzahlen muss, wie für das Auto, hat sie so innerhalb kürzester Zeit einen Schuldenberg von 18000 Euro angesammelt. Eine große Belastung: „Mich hat das regelrecht krank gemacht, dieser ständige Druck.“ Licht am Ende des Tunnels sieht sie wieder, seit sie dem Rat einer Kollegin in einer ähnlichen Situation gefolgt ist und die Schuldnerberatung aufgesucht hat. „Wir gucken dann mit den Leuten: Wie sind die tatsächlichen monatlichen Kosten, führen ein Haushaltsbuch, gucken, wo man noch etwas einsparen könnte oder schlagen, wenn es nichts mehr gibt, an dem man sparen könnte, ein Insolvenzverfahren vor.“ Im Fall der Betroffenen hat die Schuldnerberatung zuerst die Pfändung ihres Gehalts beim Arbeitgeber gestoppt, damit sie nicht „kahlgepfändet“ werden kann.

Wenn sie die Lösung des Insolvenzverfahrens wählt, hat sie so die Chance, dass ihr und ihrem Sohn an die 1440 Euro zum Leben bleiben könnten. Der Rest würde unter ihren Gläubigern aufgeteilt. Zahlt sie überdies monatliche Prozesskosten von 30 Euro, könnte sie nach fünf, andernfalls nach sechs Jahren ihre Restschulden erlassen bekommen. Dann hätte sie nach Einschätzung von Sevecke allerdings unter der Perspektive dann auch mehr arbeiten zu müssen: „Eine Chance, schuldenfrei zu bleiben, wenn sie dann auch mehr verdient, um Rücklagen zu bilden.“

Für viele scheint es diese Chancen in Velbert nicht zu geben, wo die Überschuldungsquote nach Angabe des Schuldenberaters mit über 14 Prozent aller über 18-jährigen Einwohner über dem Bundesdurchschnitt liegt.