Aus 160 Gramm Fell wurde Meister Lampe

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Was wir bereits wissen
Zum „Osterhasen“ hat der Langenbeger Horst Stemmer eine ganz besondere Beziehung. Schließlich hat er schon einen aufgezogen. Und darüber Tagebuch geführt. Titel: „Die Geschichte eines Hasenbabys“

Langenberg..  Mittwoch, 7. Februar. Gegen 17 Uhr brachte eine Nachbarin mir einen jungen Hasen (etwa eine Woche alt). Der Hund ihrer Freundin hatte ihn angeschleppt. Da der Junghase zwischenzeitlich von -zig Händen „begrapscht“ worden ist und das Wetter auch alles andere als Junghasen-freundlich ist, lasse ich mich auf den Kuh- bzw. Hasenhandel ein und nehme ihn an mich. Der Hase macht auf mich einen ziemlich ausgetrockneten Eindruck. Die Waage zeigt 160 Gramm an. Ich polstere einen kleinen Weidenkorb aus und lege ihn hinein, er soll sich erst mal über Nacht beruhigen.

Donnerstag, 8. Februar

Im Tierfachmarkt kaufe ich Katzenaufzuchtsmilch, eine Nuckelflasche mit Schnuller und Heu. Dreimal rühre ich etwas Milch an, dreimal sträubt sich der Minihase mit allen vier Pfoten.

Freitag, 9. Februar

Wieder nichts mit Nahrung aufnehmen. Ich fahre zum Tierarzt und lasse ihn untersuchen, eventuell hat er ja doch innere Verletztungen. Er bekommt eine Aufbauspritze, wird gewogen. 152 Gramm. Dabei stellt sich heraus: Es ist gar kein ER, sondern eine SIE. Der Tierarzt stellt mir 13 Euro in Rechnung und grinst: „Tierliebe kostet immer Geld“. Gegen Abend bekomme ich endlich etwas Milch in den Hasen hinein.

Samstag, 10. Februar

Vormittags. Erster Trinkversuch mit der Flasche. Es klappt so lala. Mittags. Zweiter Trinkversuch – klappt bedeutend besser. Abends: Sie nuckelt und nuckelt. Und schon scheint sie überschüssige Kräfte zu spüren und versucht, den Deckel ihrer Kiste, die auf der Veranda steht hochzustemmen. Zum Glück bekommt meine Frau es mit. Ich stelle ihr die daneben stehende Kirschtorte einschließlich Untersatz aufs Dach. Schluss mit lustig.

Sonntag, 11. Februar

Es regnet in Strömen, als die Minihäsin zum Frühstück hereinkommt und die Milchflasche förmlich sucht. Als sie versucht, sich selbst zu bedienen und aus der aufrecht stehenden Flasche zu trinken, versteh ich die Welt nicht mehr. Ich bringe schnellstens die Flasche in die richtige Lage und sofort nuckelt sie los, als wenn sie nie etwas anderes gemacht hätte. Sie schmatzt richtig.

Montag, 12. Februar

Die Häsin saugt das erste Mal ohne angehalten zu werden und mit so einer Kraft, dass in der Flasche ein Vakuum entsteht.

Dienstag, 13. Februar

Die Minihäsin nimmt endlich langsam zu. 192 Gramm. Die angerührte Milch (mit Sahne-Zusatz) hat es wohl gebracht.

Mittwoch, 14. Februar

Konventioneller oder Biosalat? Die Häsin hat nicht gefragt. Aber sie knabbert an den Blättern herum, versucht mit ihren Milchzähnen etwas abzunagen. Spieltrieb? Oder geht sie jetzt auf Grünzeug über?

Freitag, 16. Februar

Die Waage zeigt 225 Gramm an. Super! Einige Schnappschüsse vom der Minihäsin beim Nuckeln sehen nicht schlecht aus. Die Blitzerei scheint sie auch nicht zu erschrecken. Oder sie war vielleicht in ihrem vorigem Leben Fotomodel?

Sonntag, 18. Februar

Ich habe der Minihäsin heute ein Kohlrabiblatt hochgebunden. Das Blatt wird ins Maul genommen und durchgekaut, aber nicht geschluckt, sondern zerknautscht wieder ausgegeben. Scheinbar kann der Magen das Grünzeug noch nicht verdauen. Ihr Instinkt gibt ihr das wohl ein.

Montag, 19. Februar

Das Minihasen-Haus wird heute gesäubert und dabei mache ich die Feststellung, dass die Häsin ganz schön viel pinkelt. Aber: Wo soll die Milch sonst bleiben?

Dienstag, 20. Februar

Die Minihäsin wiegt jetzt 245 Gramm und ist sehr rege, vor allem nachts. Dann trommelt sie wie toll in ihre Behausung gegen die Wände.

Donnerstag, 22. Februar

Damit der Minihase etwas mehr Bewegung erhält, lasse ich ihn heute im Korridor laufen. Prompt versucht er zu nagen (Kabel, Türrahmen. ) Als ich ihn hochnehme, will er auch meine Hand beknabbern. Schluss mit lustig, ab in die Kiste.

Freitag, 23. Februar

Heute morgen nimmt der Minihase seine Milchflasche nicht an und ist auch irgendwie nicht gut drauf. Ich lasse ihn wieder in der Wohnung laufen, aber es ist keine gute Idee. Der Fliesenboden ist zu glatt.

Sonntag, 25. Februar

Die ganze Nacht hat der Regen aufs Hasenhaus getrommelt und der Hase trommelt von innen. Morgens ca. 20 Gramm Milch und abends auch ein wenig, dann jede Menge Wasser. Ich nehme an, die angerührte Milch war durch die Sahne zu dick.

Montag, 26. Februar

Sie wehrt sich strikt, weitere Milch anzunehmen.

Dienstag, 27. Februar

Sie trinkt wieder – und wie! 35 Gramm in einem Zug. Ich mache wieder einige „Tischfotos“ aber dann hüpft sie von selber in ihre Kiste. Vielleicht ist ihr der Preis, ein Kohlrabiblatt gegen ein paar Porträts zu gering.

Mittwoch, 28. Februar

Das riesige Kohlrabiblatt hat sie über Nacht weggefuttert. Aber an das Möhrengrün geht sie nicht dran. (Weil’s gespritzt ist?)

Donnerstag, 1. März

Vergangene Nacht hat die Mümmelfrau wieder Signale an ihre Verwandtschaft getrommelt. Es scheint ein Discomädchen zu werden, sobald es dunkel wird, wird sie lustig.

Freitag, 2. März.

Zum Frühstück springt die Mümmelfrau ohne zu zögern aus ihrer Kiste auf den Tisch. Ruckzuck ist die Flasche leer, kurz auf die Zeitung gepinkelt und ein Satz in die Kiste denn da locken wieder Kohlrabiblätter.

Samstag, 3. März

Die Mümmelfrau mümmelt am liebsten Kohlrabiblätter. Löwenzahn und Petersilie werden zwar auch genommen, sind aber zweitrangig. Aufzuchtfutter für Kaninchen wird ganz verschmäht. Ist auch in Ordnung, denn das würde sie ja draußen nie finden..

Montag, 5. März

Wenn die Mümmelfrau sprechen könnte, würde sie mir wahrscheinlich sagen: „Keine Milch mehr, ich bin kein Baby mehr.“ Als ich jede Menge Grünzeug in die Kiste lege, ist sie mit einem Satz vom Tisch in ihre Kiste und mümmelt los. Ich bin gespannt, ob morgen früh noch etwas übrig ist. Sieht nicht so aus.

Mittwoch, 7. März

900 Gramm! Eigentlich müsste sie 1000 Gramm haben, aber nach dem Stress im Anfang ist sie auf dem besten Weg, alles aufzuholen.

Donnerstag, 8. März

Seit zwei Tagen kommt die Mümmelfrau nicht mehr aus ihrem Haus. Vielleicht stellt sich so eine gewisse Handscheue wieder her.

Freitag, 9. März

Einen ganzen Topf Petersilie und eine dicke Möhre. Fünf Minuten später ist alles weg. Das Mümmelhaus ist wieder voller Kot und Urin.

Samstag, 10. März

Nachdem die Mümmelfrau gefrühstückt hat, scheint endlich die Sonne. Man kann förmlich fühlen, dass sie die Sonnenwärme genießt. Sie hat ja praktisch in ihrem kurzem Leben nur Regen gesehen. Draußen wäre sie bei dem nasskaltem Wetter schon lange im Hasenhimmel.

Sonntag, 11. März

Dem Appetit nach ist die Mümmelfrau kein reinrassiger Hase sondern eine Mischung zwischen Hase und Labrador.

Mittwoch, 14. März

Heute wird der Mümmelfrau die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. Zum Transport kommt sie in einen Pappkarton, das passt ihr gar nicht. Sie strampelt aus Leibeskräften. Der Auswilderungsplatz ist schon länger festgelegt. Acker, Wiese und jede Menge Deckung. Als ich den Karton öffne geht alles blitzschnell, nur meiner Frau gelingen ein paar Schnappschüsse. Dann ist die Mümmelfrau in den Brombeeren verschwunden. Einige Möhren und ihre Lieblingsspeise Kohlrabiblätter bleiben vor Ort zurück, aber ich glaube nicht, dass sie sich hier noch einmal blicken lässt.

Undank ist der Welten Lohn.