Angebot der Franziskaner „Pilgern im Alltag“ kommt gut an

Leitet das Angebot „Pilgern im Alltag“: Bruder Dietmar Brüggemann, Guardian der Franziskaner.
Leitet das Angebot „Pilgern im Alltag“: Bruder Dietmar Brüggemann, Guardian der Franziskaner.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Franziskaner aus Neviges bieten neuerdings „Pilgern im Alltag an“, das sind 90 Minuten der Besinnung und Inspiration. Pilgern, um bei sich anzukommen – und das ganz ohne zu verreisen.

Neviges..  Die Stimmung in der kleinen Runde ist etwas angespannt. Was kommt da auf mich zu? Verstohlener Blick auf die Nachbarin. Sieht ganz nett aus. Aber will ich das wirklich:„Die vertraute Umgebung verlassen, unbekannte Wege gehen“, wie es Bruder Dietmar, Hausoberer und Guardian bei den Franziskanern, nennt? In der Mitte brennt eine Kerze, acht Menschen sitzen im Kreis, sie alle wollen „Pilgern im Alltag“, so das neue Angebot der Wallfahrt. Nicht nach Santiago de Compostella oder Kevelaer, sondern zu sich selbst – wenn das mal gut geht.

Das Leben bewohnbar machen

Und dann beginnt Bruder Dietmar zu erzählen. Dass er das Kloster in Füssen letztes Jahr verlassen hat, „weil da nun wirklich absolut nichts los war“. Dass er hier heute Abend niemanden zuquatschen will. Dass „Pilgern im Kleinformat“, oder auch „Pilgern in der eigenen Wohnung“ wie er es nennt, eigentlich ein alter Hut sei, den Franziskus schon propagierte. Und plötzlich weicht die Spannung Heiterkeit, scheinen alle gelassen, gelöst. Und bereit dazu, „der Sehnsucht einen Raum zu geben“, so das Leitthema dieses ersten Abends.

Es sind ein paar „richtige“ Pilger in der Gruppe, alte Hasen, die schon am Niederrhein waren, in Jerusalem. Wie das Ehepaar schräg gegenüber, das aus reiner Neugierde den Weg in den Pilgersaal gefunden hat. „Ich wollte mir das anschauen“, sagt eine andere Frau, und „ich bin nicht katholisch“. Worauf Bruder Dietmar nur abwinkt. Konfession, Weltanschauung – was spielt das schon für eine Rolle, wenn man „unterwegs ist, etwas sucht“, wie es eine andere Frau in der lockeren Vorstellungsrunde formuliert. Sie kommen aus Düsseldorf, Wülfrath, aus Neviges. Wollen erforschen, ob ihnen diese Mischung aus Ansprache, Meditation, gemeinsamen Singen und auch Schweigen Klarheit verschafft, etwas bringt.

„Das schwierige an der Sehnsucht ist, sie zu entziffern“, sagt Bruder Dietmar am Anfang. Er sagt das nicht eindringlich, schon gar nicht pastoral, aber die Worte kommen an. „Die Sehnsucht ist unter der Sucht begraben, sie ist verschüttet.“ Es wird aus dem heiligen Evangelium nach Johannes gelesen, von einer Frau, die süchtig ist nach sozialen Kontakten, die deshalb immer wieder zum Brunnen geht, die „schon fünf Männer hatte“, wie es dort heißt und am Ende in Jesus den Messias erkennt.

Die nächsten 20 Minuten haben alle „Freigang“. 20 Minuten des Insichkehrens stehen an, wer das nicht schafft, darf sich unterhalten oder gern auch schweigen. Hier im Pilgersaal oder draußen beim Spazierengehen. „Tun Sie sich den Gefallen und fragen sich: Was ist aus meiner Sehnsucht geworden? Wo bin ich in drei Jahren? Oder hab ich meine Sehnsucht schon erfüllt?“ Pünktlich nach 20 Minuten sind alle wieder versammelt. Ein Dreiertrüppchen, das im Pilgersaal verblieb, steckt an einem Tisch vertraut die Köpfe zusammen. Na, ob die wohl in sich hineingehorcht haben. Mal gucken, was jetzt passiert. Der Pilgerstab macht die Runde, jeder nimmt ihn einen Moment, kann, muss aber nichts sagen über das, was ihn gerade bewegt. Es herrscht kein Gruppenzwang, kein Sich-Öffnen-Müssen. Nur kurz aussteigen, die Gedanken fließen lassen. Oder, wie es Bruder Dietmar nennt: „Pilgern, um das Leben wieder bewohnbar zu machen.“

Ein verstohlener Blick auf die Uhr: Kaum zu glauben, die 90 Minuten sind schon um. „Ich fand’s gut, da wurde einem nichts übergestülpt“, sagt der „alte Pilgerhase“ gegenüber. Und ich, bin ich bei mir gelandet? Keine Ahnung. Aber das Leben ist eigentlich ganz schön. Diese klare, frische Luft draußen, dieses satte Maigrün, diese Stille . . .