Nur noch Zuschauer
Wilhelm K. aus Velbert erschoss sich in der Mettmanner St. Lambertus-Kirche, weil er mit Arbeitslosigkeit und Bittstellerei nicht mehr klar kam. Die Familie erzählt aus seinem Leben
Berlin. Morgen will er nach Berlin gehen. „Und heute esse ich mit euch meine Henkersmahlzeit." Das waren die letzten Worte, die Wilhelm K. mit seiner Schwester und deren Familie wechselte. Beim gemeinsamen Abendessen im Appartement an der Heiligenhauser Straße.
Rote Soße mit ganz viel Speck und Zwiebeln hatte er sich gewünscht. Sein Lieblingsessen. Die Familie konnte nicht ahnen, dass sie den Bruder, Schwager und Onkel zum letzten Mal sehen würde. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor ein paar Monaten hatte er schon schon öfter gesagt, er wolle an die Spree. Alle wussten, dass Wilhelm K. Mettmann und das Neandertal über alles liebt. Und jetzt Berlin?
Am folgenden Morgen, dem 10. September, richtete sich der 64-Jährige nach der 9-Uhr-Messe vor dem Altar der St. Lambertus-Kirche in „seinem" Mettmann mit einer Pistole, die er aus seiner kurzen Dienstzeit bei einem Düsseldorfer Sicherheitsdienst mitgenommen hatte. Der Selbstmord im Gotteshaus füllte tags drauf die Zeitungen. Aber welcher Mensch Wilhelm K. war, was ihn zum Freitod bewegte, blieb im Dunkel.
Seine Schwester Maria B. setzte sich mit der WAZ in Verbindung, um Licht in den den Fall zu bringen. Wilhelm K. ist nach ihrer Meinung ein Sozial-Suizid-Opfer. „Ich bin entschlossen, die Bühne des Lebens zu verlassen", stand in dem Abschiedsbrief, den Wilhelm K. Schwester und Schwager vor seinem Selbstmord in den Briefkasten gesteckt haben muss. Und: „Ich bin die letzten Jahre eigentlich nur Zuschauer der Leben Anderer."
Aber er hat auch einen letzten Willen formuliert, „dass der Staat mein Begräbnis übernimmt." Wenn Wilhelm K. Groll gehabt hat, so Maria B., dann auf Staat, Stadt, Sozialamt und sämtliche Behörden. Er wollte nicht abgestempelt werden als Hartz-IV-Empfänger, den man in jedwede Wohnung packen kann. Der, wenn er zur „Tafel" geht, draußen in einer langen Schlange stehen muss, von aller Welt gesehen wird.
„Mein Bruder hat sich dafür geschämt." So erzählt es die 70-jährige Schwester, gibt wieder, was ihren sechs Jahre jüngeren Bruder in den Tod getrieben hat. Nicht immer um alles kratzfüßen müssen. Beim Amt nicht als Mensch dritter Klasse behandelt zu werden. Maria B.: „Wilhelm war ein Einzelgänger. War stolz, fleißig, hat viel gearbeitet, nicht getrunken, nicht geraucht."
Aber das Leben hat es nicht immer gut mit ihm gemeint. Immer musste er gehen. Als junger Mann verließ er früh das mütterliche Haus in Mettmann, am Markt, in direkter Nähe zu St. Lambertus. Er hatte fünf Geschwister. Der Vater war sehr früh verstorben. Er suchte sich Arbeit, fand Unterkunft in einem „Ledigenheim" und heuerte schließlich als Seemann an. Anfang der 80-er kam er zurück, fand wieder Arbeit in Velbert und Umgebung, doch, so Maria B., „hatte er das Pech, dass die Firmen pleite gingen oder Leute entließen."
Und immer musste Wilhelm K. gehen. Zuletzt verdiente er sein Geld in einem Gartenbaubetrieb, bis er auch diese Stelle verlor. Kurz darauf geriet er in eine Rauferei, dabei ging ein Busfahrer zu Boden. Wilhelm K. saß für zwölf Monate ein. Danach wurde ihm eine Wohnung in Birth am Nelkenweg zugewiesen.
Den Abschiedsbrief fand die Familie erst am Abend des 10. September, alarmierte sofort die Polizei und bat angeblich um einen Notarzt für Maria B. Die Polizei kam nach anderthalb Stunden, ein Mediziner kam nicht. So berichtet es die Familie. Geschickt wurde der Schwester das Sicherungsprotokoll mit den Habseligkeiten, die ihr Bruder zum Todeszeitpunkt mit sich führte: eine Brille, ein Kugelschreiber und sechs Euro. Wilhelm K. wurde am vergangenen Mittwoch in Düsseldorf auf dem Nordfriedhof beigesetzt.
Warum die Familie den Fall in die Öffentlichkeit trägt? „Weil nicht nur Wilhelm, Hartz-IV-Empfänger, als Mensch dritter Klasse behandelt worden ist, sondern viele andere auch."





