2000 Schüler auf der Straße
Die Demonstranten forderten lautstark mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem. Es gab kleinere Zwischenfälle.
Der Lärm ist kaum zu überhören. 2000 Schüler ziehen pfeifend und grölend durch die Fußgängerzone. Passanten bringen sich in Hauseingängen in Sicherheit. Ein Demonstrant brüllt ins Megafon: „Bildung für alle! Sonst gibt's Krawalle!” Einige hundert Kehlen brüllen hinterher.
Die Menge stoppt vor einer Bank. „Wir fordern die Aufhebung der Kopfnoten”, ruft die 16-jährige Schülerin Rhena Lissy mit heller Stimme ins quietschende Megafon. Der Rest ihrer Rede geht im allgemeinen Gewusel unter.
Im Hintergrund machen sich andere Demonstranten an der Tür der Bank zu schaffen. Sie wickeln die Griffe mit Flatterband ein. Kunden und Mitarbeiter kommen nicht mehr durch. Polizei und Ordnungsamt sehen dem Schauspiel eine Weile zu. Dann greifen die Männer vom Ordnungsdienst ein. Das Schauspiel wiederholt sich an mehreren Banken und Sparkassen.
Warum ausgerechnet da? Die Schüler rechnen vor, dass mit den Staatshilfen für die Banken, auch das Bildungssystem über Jahrzehnte hätte finanziert werden können. Wieder Gebrüll: „Wir stehen hier. Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.”
Die Schüler fordern die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulystems. Sie wollen mehr Lehrer und kleinere Klassen. Die auf acht Jahre verkürzte Schulzeit am Gymnasium ist vielen ein Dorn im Auge. „Ich glaube, dass wir es schaffen können, diese Ziele in die Tat umzusetzen”, sagt Mitorganisator Serdar Agit Boztemur. Er freue sich, dass so viele Schüler zu Demo gekommen seien. Die Veranstalter hatten mit 250 gerechnet. „Ich sehe darin sehr viel Potenzial.”
SPD-Geschäftsführer Volker Münchow ergreift bei der Abschlusskundgebung das Wort. Es gebe weltweit 17 Länder mit einem ungerechten Bildungssystem. 16 davon seien in Deutschland. Nummer 17 sei Österreich. Münchow nennt Staaten wie Indien als Beispiel für ein gerechteres Schulsystem. Er wettert gegen NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU): „Frau Sommer ist nicht nett.”
Es kommt auch zu Zwischenfällen: Gleich zu Beginn versuchen Neonazis die Demo zu stören. Die Polizei erteilt den Rechten einen Platzverweis. „Es waren leider junge Leute dabei, die menschenverachtende Parolen verbreitet haben”, bestätigt auch Serdar Agit Boztemur.
Bei einer Kundgebung in der Nähe des Rathauses schmeißt jemand eine Rauchbombe zwischen die dicht gedrängt stehenden Demonstranten. Die Organisatoren reagieren schnell und lassen die Menge weiterlaufen. Ein Polizist tritt das stark qualmende Etwas beherzt mit seinen Schuhen aus.
Bei jedem Zwischenstopp fliegen Schnipsel in die Luft. Die Demonstranten hinterlassen Tetra-Packs und Papiermüll auf der Straße. Einer klaut im Vorbeigehen am Obststand eine Mandarine. Andere folgen dem Beispiel. Einige Schüler tragen Bierflaschen in der Hand. Es gibt Scherben. Da gebe es nichts zu verhehlen, sagt Serdar Agit Boztemur: „Es ist mir sehr unangenehm.” Er habe die Demonstranten doch immer wieder aufgefordert, keinen Müll auf den Boden zu werfen.
Die Polizei kündigt an, dass die Veranstalter mit einer Rechnung für die anschließende Reinigungsaktion rechnen müssen. Die Stadt rückt noch am Mittag mit Kehrmaschine und Fußtrupps in die Fußgängerzone aus. Boztemur bittet die Stadtverwaltung um Gnade. Schließlich habe die Mehrheit ja für ehrenwerte Ziele demonstriert. Der 20-Jährige: „Wir bitten darum, nicht die ganze Organisation zu kriminalisieren.”





