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Zwischen Wut und Widerstand

26.06.2012 | 20:20 Uhr
Zwischen Wut und Widerstand
Fassungslosigkeit steht in den Gesichtern der Ontex-Mitarbeiter an der Blitzkuhlenstraße geschrieben.

Recklinghausen. Dienstagmittag, 13.30 Uhr, Blitzkuhlenstraße 205. Am Ontex-Werkstor steht eine dichte Traube von Beschäftigten. Es fallen Sätze wie „So einfach wie die sich das denken, funktioniert das nicht“ oder „Wir haben Ontex mit der damals neuen Elastic Earl doch erst groß gemacht“. Am Tag zuvor hatte die Belegschaft erfahren, dass ihr Werk, in dem seit 1990 Windeln hergestellt werden, im Oktober dicht gemacht werden soll. 320 Beschäftigten droht die Kündigung.

Michael Köching zum Beispiel, der vor 14 Jahren als Schlosser von der Zeche gekommen ist und der sich fragt, wo er in Zukunft arbeiten kann. „Damals, mit 31, war so ein Wechsel kein Problem. Aber ich bin jetzt 45, habe eine Familie und zwei Kinder“, sagt er. Ein Blick in die Runde verrät, dass es vielen anderen ähnlich geht.

Unterstützung zugesagt
Unterstützung zugesagt

Wechselvoller hätte dieser Dienstag kaum verlaufen können. Am Mittag waren Bürgermeister Wolfgang Pantförder und Wirtschaftsförderer Christoph Tesche zu Besuch beim Spatenstich der neuen Porsche-Niederlassung in Recklinghausen (Bericht Seite 2). Eine halbe Stunde später und einen Kilometer weiter westlich besuchte die Stadtspitze dann das Ontex-Werk.

In einem Gespräch mit Werksleiter Dirk Iffland sondierten sie die Lage. Der Belegschaft sicherten sie zuvor jede erdenkliche Hilfe zu: „Wir bieten Werksleitung, Betriebsrat und Belegschaft die Unterstützung der Stadt an, so weit uns das möglich ist“, so Pantförder.

Noch am Dienstag ging ein schriftlicher Hilferuf an das Land auf den Weg, das möglicherweise in Kontakt mit der belgischen Ontex-Gruppe treten könne. „Es geht um wichtige Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region“, sagt der Bürgermeister.

Das Angebot des Unternehmens, Europas größtem Hersteller von Hygieneprodukten mit mehr als 4000 Beschäftigen an sieben Standorten, insgesamt 70 offene Stellen in Deutschland anzubieten, klingt für viele wie ein Hohn. Denn die Stellen sind Hunderte Kilometer von Recklinghausen entfernt. Für die meisten, die, so Betriebsratsmitglied Thomas Wachowitz, „schon ganz lange dabei sind“, ist das keine Alternative. Auch nicht offene Stellen in Australien oder sonst wo auf der Welt. Vor allem aus familiären Gründen. Zugleich stellen sie sich die Frage, ob sie in der Region unterkommen können, sollte das Werk wirklich dicht machen. Die Ungelernten werden es besonders schwer haben. Aber auch viele Fachkräfte wie Wachowitz, der mal Gas- und Wasserinstallateur gelernt hat, werden in ihrem ursprünglichen Beruf kein Fuß mehr fassen können.

„Wir müssen das jetzt erst einmal sacken lassen und die Lage analysieren“, sagt Gewerkschafter Rainer Matz (IG Metall). Klein beigeben komme nicht in Frage. „Einfach in den Interessenausgleich gehen und einen Sozialplan ausarbeiten, ist jetzt nicht das Thema“, stößt Roland Meya ins gleiche Horn. Der 55-Jährige ist seit 1990, als die Windelhersteller und Ontex-Vorgänger Hartmann hier begann, im Werk. Er spricht davon, alternative Lösungen auszuarbeiten. Und er spricht von „Managementfehlern“ die die Belegschaft nun ausbaden sollen.

Hintergrund dafür ist wohl der Absatzeinbruch vor einigen Monaten. Im vergangenen Jahr hatte das Ontex-Werk in Recklinghausen mit 1,2 Milliarden Windeln ein Rekordergebnis erzielt – mit drei Schichten, Wochenend- und vielen Feiertagsschichten an zehn Produktionslinien. Gearbeitet wird mittlerweile feiertags nicht mehr, zwei Linien stehen still. Und nun bereiten die Produktionskosten Sorgen, so Werksleiter Dirk Iffland. Aus der Belegschaft ist zu hören, weniger werde deshalb produziert, weil Hauptabnehmer DM, der allein aus Recklinghausen 600 Millionen Windeln bezogen habe, abgesprungen ist. Auch die Lage bei Schlecker habe sich ausgewirkt.

Verloren hätten sie DM, so die Belegschaft, weil Ontex geglaubt habe, an der Preisschraube drehen zu können. Aber das Unternehmen sei nicht stärker als der Markt. DM lasse nun in Polen produzieren. „Im Osten von Europa geht das offenbar günstiger“, sagt Klaus Tombers. Der Logistik-Chef von Ontex spricht von einer „extremen Wettbewerbssituation“ im Windelmarkt.

„Die Rohstoffpreise sind gestiegen“, erklärt derweil Werksleiter Dirk Iffland. Ontex habe reagieren müssen. Er selber habe am Freitag von der beabsichtigten Schließung erfahren. Seit einem Jahr werde über den Standort nachgedacht. Mitgeteilt hat er die Hiobsbotschaft der verblüfften Belegschaft mit zwei Konzern-Vertretern am Montag.

Für die Beschäftigten war das schwer zu glauben. „Man konnte mit etwas rechnen, vielleicht mit Kurzarbeit“, sagt Gewerkschafter Rainer Matz. Nicht aber mit einer Schließung. „Das ist doch unfassbar“, sagt Betriebsratsvorsitzender Roland Meya.

Neben ihm steht Hasan Cinar, nach der Nachtschicht von Montag auf Dienstag ist er schon wieder am Tor. Seit 21 Jahren arbeitet der ehemalige Schlosser im Werk an der Blitzkuhlenstraße, hat dort ebenso wie seine Kollegen Tausende und Abertausende von Windeln produziert. Und jetzt? „Das Werk in Recklinghausen hat eine deutliche Unterauslastung zu verzeichnen, was die Kostenstruktur dieses Marktsegments stark unter Druck setzt“, heißt es in einer Pressemittelung von Ontex. Eine fein ziselierte Formulierung, die Hasan Cinar und seine Kollegen schwer schlucken lässt. „Wir müssen das erst einmal sacken lassen“, sagt Thomas Wachowitz. Kämpfen sei eine Option.

Anbdreas Rorowski

Kommentare
29.06.2012
10:07
Zwischen Wut und Widerstand
von Schraubenm | #3

Ein großer Möbelladen kommt und die restlichen kleinen dürfen gehen. Eine Arkade kommt und die kleinen werden gehen. Alles nur eine Rechenfrage. Gutes...
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2012-06-26 20:20
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