Das aktuelle Wetter Unser Vest 15°C
„Länks des Biek“ feiert

Zum ersten Mal kütt der Prinz

05.02.2012 | 19:09 Uhr
Zum ersten Mal kütt der Prinz

Marl.Gelacht wird nicht viel in Westfalen und der Karneval ist eine rheinische Tradition! Wenn das die mehr als 100 Mitglieder des Heimat- und Ortsbrauchtumsvereins „Länks de Biek“ im Marler Norden hören, können sie nur milde lächeln. Denn, wie Anneliese Röttger gerne erzählt, ist es am Wochenende wahrlich nicht die erste große jecke Festsitzung des Vereins. „Wir machen das jetzt seit 1947“, sagt die rüstige Sängerin und freut sich, dass der Saal wie immer ausverkauft ist.

Dass Traditionen sich mit den Jahren auch verändern, liegt auf der Hand. Und so gab es in diesem Jahr nicht nur ein Novum für die Heimatfreunde, sondern für die ganze Stadt. Als das Prinzenpaar wie in jedem Jahr den Abend eröffnen sollte, staunten viele der Gäste, die im Takt klatschten, nicht schlecht, denn die Prinzessin war doch sehr speziell.

40 Aktive pflegen Brauchtum
40 Aktive pflegen Brauchtum

„Länks de Biek“ ist der Name des Vereins für Orts- und Heimatpflege in Marl, der mit seinen etwa 40 Aktiven die Erinnerung an alte Zeiten aufrecht hält. Der Name kommt aus dem Münsterländer Plattdeutsch, das bis zur Industrialisierung der Heidedörfer rund um Marl auf den Höfen gesprochen wurde und bedeutet „Längs dem Bach“.

Zwar ziehen in Marl die Karnevalisten schon längst nicht mehr von Hof zu Hof und sammeln. Doch wird diese Tradition in vielen Orten in Westfalen noch in der Urform aufrechterhalten. So ziehen etwa in Waltrop am Rosenmontag die jungen Männer und die Schützenvereine durch die Bauerschaften im Randbereich mit Stangen umher und hoffen auf Mettwurst, Eier und Hochprozentiges, um die Fünfte Jahreszeit zünftig ausklingen zu lassen.

Ob die 65. Karnevalveranstaltung am vergangenen Samstag die letzte dieser Art in Lenkerbeck war, ist noch ungewiss. Da das Gemeindezentrum umstrukturiert wird, bleibt offen, wo und wie 2013 gefeiert werden könnte.

Zum ersten Mal in der 75-jährigen Stadtgeschichte gibt es ein karnevalistisches Dreigestirn, das die Aufgaben des Paares übernimmt. Die Rolle der wohl „einzigen Jungfrau in Lenkerbeck“, wie Präsident Bernd Kaczor anmerkt, übernahm er mit einer blonden Perücke, künstlicher Oberweite und viel Rouge gleich selbst. Der Prinz ist wohl allen im Saal bekannt, denn Bürgermeister Werner Arndt wurde schon auf dem Martinsmarkt mit Engelszungen und Glühwein von den Länks de Biekern überzeugt, und auch Bauer Karl-Heinz Kopner ist der Spaß bei der Arbeit im Dreigestirn anzusehen. So konnten die Karnevalisten aus der Not eine Tugend machen, die auch noch für viele Lacher sorgte. „Genieße die Sitzung doch – heute Abend gehöre ich nur dir“, sagt Jungfrau Bernd Kaczor zum Prinz-Bürgermeister und zwinkert ihm zu.

Dass auch die Augen der Besucher nicht lange trocken blieben, dafür sorgte nicht nur der Chor der Heimatfreunde, sondern auch die Gäste in der Bütt. „Emsland kann ich euch sagen - da ist ja nix los - gar nix“, verkündet der Münsterländer Bauer, der von Jörg Kaczor gespielt wird, gerne. Denn im Landleben kann es auch heiß hergehen und dass nicht nur im Münsteraner Rotlichtviertel, stellt er mit seinen Holzschuhen und seinen pikanten Sprüchen gerne zur Schau. Die Schwiegermutter im heiligen Land zu bestatten, die im Urlaub an der Klagemauer verstorben war, ist dem Münsterländer viel zu gefährlich: „Da ist ja vor 2000 Jahren schon mal jemand nach drei Tagen wieder auferstanden!“ Auch Besuch aus der Hauptstadt des Karnevals sorgte für viele Lacher. Der Kölner Poet und Komiker Pit Schneider hielt mit kleinen Alltagsgeschichten vermutlich jedem Besucher einen Spiegel vor die Nase. Mit jungem Blut musste auf der Bühne nicht gegeizt werden, denn die Sternburger Karnevalsgesellschaft hatte nicht nur ihr Prinzenpaar, sondern auch ihre Tanzgarde und eine Überraschung mitgebracht. Die siebenjährige Sophie Gläser als das jüngsten Funkenmariechen der Stadt hatte Weltpremiere und das ganz selbstbewusst.

Doch bevor es humoristisch ans Eingemachte ging, kam eine deftige Mahlzeit auf den Tisch: Kartoffeln, westfälisches Sauerkraut und Mettwurst. Zünftig eben, und eine Tradition des Marler Landkarnevals. „Früher sind die Länks de Bieks an den tollen Tagen durch die Gemeinde gezogen und haben gesammelt“, erzählt Anneliese Röttger. Später landeten die Würste im Topf und auf den Tellern, ehe es in den lustigen Teil des Abends ging. Die Tradition des Sammeln ist eingeschlafen, die des Feierns aber nicht.

Björn Jadzinski

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6318950/create

Aktuelle Fotos und Videos
2. Firmenlauf in Oer-Erkenschwick
Bildgalerie
Spaß-Teamlauf
Traum eines lächerlichen Menschen
Bildgalerie
Theaterprojekt
Deutscher Mühlentag
Bildgalerie
Volksparkl Marl
Aus dem Ressort
Superintendent Burkowski wechselt nach Berlin
Personalwechsel in der...
Eigentlich sollte er am 23. Juni bei der Kreissynode für seine dritte Amtsperiode kandidieren, seine Wiederwahl galt als sicher. Aber nach 16 Jahren als Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises verlässt Peter Burkowski überraschend Recklinghausen. Der 53-jährige Familienvater dreier
Wie viel Brandschutz muss sein?
Kreishaus- und...
Eine große, mindestens 40 Millionen Euro teure Renovierung des Kreishauses ist vom Tisch. „Auf Drängen der Städte werden wir auf eine energetische Sanierung verzichten“, lässt Landrat Cay Süberkrüb (SPD) in einer Erklärung wissen. „Die kurzfristige Sicherung der kommunalen Liquidität steht derzeit