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Viele Fragen, aber kaum Antworten

22.01.2010 | 18:13 Uhr
Viele Fragen, aber kaum Antworten

Belastetes Grundwasser in Lehmbraken und Sythen: Die Besucherplätze bei der Sondersitzung waren voll besetzt

Haltern am See. Hochgiftiges Brunnenwasser. Diese Meldung schreckte auf, brachte Bürger in Bewegung. Die Besucherplätze bei der von der SPD beantragten Sondersitzung des Umweltausschuss waren voll besetzt.

Einziges Thema: Die Belastung des Grundwassers im Bereich Lehmbraken und Sythen. 200 Stellen wurden auf Veranlassung des Kreises beprobt. 85 weisen sprengstofftypische Rückstände (TNT) auf. In einem Brunnen wurden 13 000 Milligramm an Schadstoffen festgestellt. Ein enormer Wert. Die Belastungsgrenze für Frischwasser liegt bei 0,3 Milligramm. Der Kreis hat flächendeckend die Entnahme von Grundwasser untersagt.

KOMMENTAR
Lösungen finden

Für Aktionismus, wie ihn die Grünen - alle Brunnen in ganz Sythen sperren – pflegen, ist genauso wenig Platz, wie dafür, die Dinge zu verharmlosen.

Der Kreis ist seiner Pflicht nachgekommen, hat Maßnahmen ergriffen, Verbote erteilt. Gelöst ist das Problem damit nicht. Die Belastung des Grundwassers wird die Seestadt noch Jahrzehnte beschäftigen und Kosten verursachen. Zurzeit heißt es: das kontaminierte Wasser im Boden lassen. Eine Sanierung ist nicht bezahlbar. Die Kosten stehen, wenn man dem Kreis glauben darf, in keinem Verhältnis zur derzeitigen Gefährdung. Dennoch: Eine Lösung muss zügig gefunden werden. Die jüngsten Untersuchungen haben es zu Tage gebracht: Die Wege des hoch kontaminierten Wassers sind unberechenbar.

Wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte? Die Experten des Kreises zucken mit den Schultern „Wir können uns das nicht erklären.” Seit Jahren ist das Problem bekannt. Jahrzehntelang wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert bei der damaligen Wasag, in der Nähe der Silberseen gelegen, Granaten und Munition hergestellt. Bei den damaligen Arbeitsprozessen gelangten TNT-Stoffe in den Boden und im Laufe der weiteren Jahre ins Grundwasser. Anfang der 90er Jahre wurden die Grundwasserbelastungen entdeckt. Heute begleiten Messbrunnen (die Kosten dafür teilen sich der Kreis und das WASAG-Nachfolge-Unternehmen) den Weg des Wassers. Mit einer Geschwindigkeit von 30 Metern pro Jahr fließt die Riesenblase kontaminierten Grundwassers Richtung Stausee, den es nach bisherigen Erkenntnissen in 80 Jahren erreichen könnte.

Wurden die Belastungen zunächst in geringer Tiefe (zwölf Meter) gemessen, reichen sie jetzt bis zu einer Tiefe von 100 Metern. Neu ist, dass die außerordentlich hohen Belastungen wieder in oberen Erdschichten aufgetaucht und an Stellen sind, wo sie hätten eigentlich geringer sein sollen. Es wird vermutet, dass es eine noch nicht bekannte Stelle gibt, die dies verursacht. Dem auf den Grund zu gehen sei aber aufwändig. Auf dem zehn Hektar großen Wasag-Gelände müsste alle fünf Meter ein Brunnen tief gebohrt werden. Nicht praktikal sagt der Kreis.

So setzt man mehr darauf, das Grundwasser im Boden lassen und zu reinigen. Es gebe einen vielversprechenden Ansatz, so Dr. Rolf Niepmann von der Sythengrund Wasag, das TNT im Grundwasser mit Ozon zu neutralisieren. Das Unternehmen werde in Kürze mit Feldversuchen beginnen. Ausgang offen.

Den betroffenen Bürgern bleibt nichts anderes übrig, als auf Brunnen zu verzichten. Mit der Wasserwanderung könnte das Entnahmeverbot ausgedehnt weden. Regressansprüche können Bürger aber nicht stellen, da es kein Recht, so sagt der Kreis, auf Grundwassernutzung gebe und daher niemand einen Anspruch auf sauberes Brunnenwasser habe.

Auch für künftige Hauseigentümer haben die Sünden der Vergangenheit weitreichende Konsequenzen. Für das große Neubaugebiet Elterbreischlag, wo auch die Grundwasserentnahme verboten ist, sind energetische Möglichkeiten, wie zum Beispiel Wärmepumpen, nicht umsetzbar. Ein Nachteil, der Auswirkung auf die Vermarktung der Grundstücke und damit auch auf das Stadtsäckel haben könnte.

Dieter Decker

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