Verbotenes Gelände
10.03.2009 | 17:36 Uhr 2009-03-10T17:36:00+0100
Am Mittwochabend kommen wieder Einheiten Ihrer Majestät auf den Truppenübungsplatz. Für Bürger bleiben die riesigen Areale in Lavesum und Borkenberge noch lange tabu.
Haltern am See. Am Mittwochabend wird wieder scharf geschossen in Haltern. „Nachtschießen” ist angesagt auf dem Truppenübungsplatz. Für viele Anwohner ein gewohnter Vorgang. Für manchen aber auch nicht, wie ein Vorfall am letzten Freitag zeigte. Da rummste es in Lavesum, wo einer der beiden Teile des Sperrgebietes liegt, so stark, dass sich ein Bürger besorgt an die Feuerwehr wandte. Und die setzte eine größere Einsatztruppe in Marsch – um dann bloß festzustellen, dass britische Soldaten übten (die WAZ berichtete).
Seit Ende des 2. Weltkriegs wird der Truppenübungsplatz von den britischen Streitkräften genutzt. Auch Bundeswehrsoldaten übten dort, als die nahegelegenen Kasernen in Dülmen und Coesfeld noch existierten.
Heute sind es ganz überwiegend Truppen Ihrer Majestät, die dort das gefechtsmäßige Verhalten trainieren und mit Handfeuerwaffen schießen.
Im September 2008 haben die britischen Streitkräfte bekanntgegeben, dass sie ab 2010 Teile ihrer Truppen nach Großbritannien verlegen. So das in Mönchengladbach stationierte schnelle Eingreifkorps der Nato. Auch die dort untergebrachten Unterstützungseinheiten gehen zurück auf die Insel. Voraussichtlich 2014 soll deshalb das Hauptquartier in Mönchengladbach geschlossen werden. Es verbleiben allerdings insgesamt 17 000 Soldaten an verschiedenen Standorten in NRW und Niedersachsen.
Weitere Reduzierungen, so die Presseabteilung der Briten, seien derzeit nicht geplant. Die in Deutschland verbleibende 1. Panzerdividion mit Sitz in Herford müsse aufgrund ihrer zahlreichen Einsätze auch weiterhin üben. ezn
Solche Meldungen richten das Augenmerk auf riesige Flächen, die durch Warnschilder und Schranken von der Außenwelt abgeriegelt sind. 3195 Hektar misst der Truppenübungsplatz Haltern mit seinen Platzteilen Borkenberge und Lavesum. „Militärisches Sperrgebiet”, wie ein Sprecher des zuständigen Nato-Camps in Haltern betont. Aus gutem Grund gelte dies, denn wer sich auf dem Gelände bewege, könne unversehens in Lebensgefahr geraten: „Hier üben Soldaten gefechtsmäßig. Sie sind mitunter so gut getarnt, dass der Außenstehende sie gar nicht wahrnimmt. Und es gibt Blindgänger. Immer wieder müssen wir Munition einsammeln und sprengen. Das gibt jedesmal einen ganz schönen Knall”, so der Mitarbeiter der Briten.
Zuwiderhandlungen sind trotzdem keine Seltenheit. Nicht alle Fälle verlaufen so dramatisch wie der des Mitte Februar verunglückten Motocross-Fahrers. Er hatte auf dem Übungsplatz Borkenberge einen Unfall und konnte erst nach einer großen Suchaktion geborgen und ärztlich versorgt werden. Zu den Schmerzen kamen eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs sowie eine saftige Rechnung für den Rettungseinsatz. Die verhängnisvolle Tour des 44-Jährigen aus Mülheim war nur die Spitze eines Eisbergs. „Die Zahl der Verstöße gegen das Betretungsverbot ist aus unserer Sicht noch immer viel zu hoch”, stellt der Mitarbeiter aus dem Nato-Camp fest.
Die Suche nach Einsamkeit lockt Spaziergänger in die Sperrzonen. Oder eben die Hoffnung auf ideale Motocross-Strecken. Ein gefährliches Spiel. „Wir machen selbstverständlich Stichproben, ob die Betretungsverbote beachtet werden”, so die Verantwortlichen im Nato-Camp. Auch die Polizei lässt keinen Zweifel: „Es handelt sich um militärisches Sperrgebiet. Das Betreten und Befahren ist streng verboten.” Die Ordnungshüter wissen aber auch: „Besonders an Wochenenden wird der Platz gerne von Motocross-Fahrern aufgesucht.”
Dass der Übungsplatz noch auf Jahre hinaus verbotenes Gelände sein wird, steht fest, auch wenn sich die britischen Truppen nach und nach aus Deutschland zurückziehen – siehe dazu weiterer Text. Die für das Areal zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben jedenfalls teilte auf WAZ-Anfrage mit, dass der Übungsplatz den britischen Streitkräften „für die Dauer ihres Bedarfs zur ausschließlichen militärischen Nutzung überlassen” bleibe.
Sollten die Briten eines Tages auf das Gelände verzichten, würde zunächst geprüft, ob die Bundeswehr entsprechenden Bedarf habe. Falls nein, wären mögliche Rückerwerbsansprüche früherer Grundstückseigentümer zu prüfen. Und insgesamt sei davon auszugehen, dass die Flächen aufgrund ihrer hohen ökologischen Bedeutung nach Aufgabe der militärischen Nutzung als Naturschutzgebiete ausgewiesen werden.
- Forum: Das Gelände wieder öffentlich machen?
- Fotostrecke: Nachtschießen
10:08
Das souveräne Deutschland gut 64 Jahre nach Kriegsende. Die Besatzer sind immer noch da. Das sollte zu denken geben. ;-)