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Zum 775. Stadtgeburtstag

Triumph über die Zeit

11.02.2011 | 15:46 Uhr
Triumph über die Zeit
Das Original: 1236 besiegelte der Kölner Erzbischof die Urkunde für Recklinghausens Stadtrechte. „Neu“ sind nur die vor gut 50 Jahren enstandenen Fäulnisschäden. Foto: Reiner Kruse WAZ FotoPool

Recklinghausen.   Als Staufer-Kaiser Friedrich II. regierte, erhielt Recklinghausen seine städtische Geburtsurkunde: 1236

Die Fäulnisschäden am 775 Jahre alten Pergament stammen wohl aus der Engelsburg. Bis vor 50 Jahren lagerte die wertvolle Stadtgründungsurkunde in durchfeuchteten Räumen. Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes nennt’s „einen Triumph über die Zeit und die Vergänglichkeit“, dass Recklinghausen einen so stattlichen Bestand an Schriftstücken und Siegeln aus dem Mittelalter besitzt.

Herten und Marl feiern ihren „75.“ – Recklinghausen würdigt seinen 775. Stadtgeburtstag mit zwei kleinen Ausstellungen. Gepflegtes Understatement des älteren Gemeinwesens, das kein Hakenkreuz auf seiner Gründungsurkunde verstecken muss. Stattdessen besiegelte Kölns Erzbischof Heinrich I. von Müllenark jene Geburtsurkunde vom Februar 1236 „super libertate“, die Recklinghausen als Stadt von der allgemeinen Landsteuer befreite.

1236 regierte Friedrich II. am liebsten vom sonnigen Sizilien aus das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ – und hatte gerade seinen eigenen Sohn als Vize-Regenten gestürzt. 1236 eroberte Ferdinand III. von Kastilien die andalusische Millionenstadt Cordoba – den Mauren sollte in Spanien bald nur noch Granada bleiben. Und mongolische Reiterheere unter Batu Khan, dem Enkel Dschingis Khans, erreichten die Wolga.

In gleich zwei Fassungen – „mit minimalen Abweichungen vom Wortlaut und von zwei Schreiberhänden“, erläutert Dr. Kordes – überdauerte die Geburtsurkunde von „Rekelinchusin“. Es ist noch nicht einmal das älteste Dokument im Mittelalter-Stahlschrank des Stadtarchivs. Die Gründungsurkunde des Klosters Flaesheim ist noch 70 Jahre älter: von 1166, als normannische Invasionstruppen ins keltische Irland übersetzten.

Kein Hygrometer, kein Stahlblech: der Dokumenten-Tresor „in jenen Jahrhunderten, in denen man von Archiv-Wissenschaft noch nichts wusste“, wie Dr. Kordes sagt, waren verschließbare Eichentruhen – „groß wie ein Sarg“.

Die pergamentenen „Triumphe über die Zeit“ waren darin sicherer verwahrt als in ihrem klammen Quartier während der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Und doch gibt es auch in diesem besonders vollständigen Stadtarchiv Lücken im Bestand. „Mit dem Stadtbrand von 1501“, sagt Matthias Kordes, „gingen Teile der Überlieferung unter. Danach fließen die Quellen doch deutlich reichlicher.“

Danach flossen auch mehr Worte: Für die Bände der Ratsprotokolle in mittel-niederdeutscher Sprache – der Archivar nennt sie „Screenshots ins Rathaus des 16. Jahrhunderts“ – engagierte der Magistrat Berufsschreiber, die nach Zeilen bezahlt wurden. Im Barock führte das zur „Erfindung“ der doppelten Konsonanten: Die Zeilen der Schreiber füllten sich schneller.

Städtische Dokumente wurden übrigens bis vor rund hundert Jahren handschriftlich zu Papier gebracht. Mit der Einweihung des heutigen Rathauses „wurde auch die Büro-Ausstattung erneuert“, weiß Dr. Kordes: Die ersten Schreibmaschinen tippten Löcher ins industriell produzierte Papier.

Diese „Massenakten“ der Jahrzehnte von 1850 bis 1970 sind konservatorisch übrigens die teuerste Sorge der Archivare im Lande: Anders als bei den guten alten Hadern – dem aus eingeweichten Lumpen geschöpften Papier – frisst Säure die industriellen Holzschliff-Fasern. „Wir sind mitten im Prozess der Massen-Entsäuerung“, finanziell möglich dank der NRW-Landesinitiative Substanzerhalt, die dafür sorgt, dass Land und Landschaftsverband das Gros der Kosten übernehmen.

Solche Sorgen bereitet keines der Jahrhunderte älteren Pergamente, wohltemperiert und trocken hinter antistatischen Spezialfolien.

Ralph Wilms

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