Traum-Deutung in Piktogrammen
01.12.2011 | 16:15 Uhr 2011-12-01T16:15:00+0100
Recklinghausen. Wolf Hamm zeigt im Kutscherhaus seine Hinterglasmalerei und ebenso virtuose Grafiken.
Wolf Hamm malt seine kostbar schillernden Bildwelten seitenverkehrt und „von vorne nach hinten“: Der 37-Jährige zeigt als Gast des Kunstvereins im Kutscherhaus großformatige Hinterglas-Gemälde.
„Es war Liebe auf den zweiten Blick“, sagt Dr. Arno Apel. Denn erst Aug in Aug mit den Originalen, bestätigt der Vorsitzende des Kunstvereins, erschließt sich die Brillanz dieser aufwendigen und detailverliebten Werke. Keine noch so gute Reproduktion kann sie wiedergeben. „Von Katalogen bin ich oft enttäuscht“, sagt denn auch der Künstler aus Delmenhorst, der in Bremen und Düsseldorf studierte – und zwar neben der Malerei die grafischen Künste.
„Ich reise gerne zeichnend.“ Wolf Hamm betont: seine figurenreichen Werke sind weder reine Atelierschöpfungen – noch später Surrealismus. Seine Kunst von der Traumbildnerei der 1920er und ‘30er Jahre abzugrenzen – „Dalí ist mir sehr fern“ – fällt dem eloquenten Maler nicht ganz leicht, denn: „Ich schreibe meine Träume auf, seit ich 14 bin.“
Die Traum-Situationen seiner Gemälde wirken in ihrer schier überbordenden Fülle nie düster. Der Glanz der Hinterglas-Bilder ist einfach stärker. Der Betrachter blickt durch acht Millimeter starkes Acrylglas auf die Lackfarben: Brillanz ist so programmiert.
Allerdings ist jene Lieblichkeit, die wohl die meisten mit Hinterglasmalerei verbinden, allenfalls ein Teil der Bild-Programme von Wolf Hamm. Seine Großformate sind ein cleveres Zitaten-Bombardement aus altmeisterlichem Naturalismus, aus Pop-Art und kulleräugigen Manga-Püppchen, verbunden mit einer guten Dosis aus der internationalen Hinweisschilder-Ikonographie: So erzählt Wolf Hamm auf circa einem Zehntel der Bildfläche des Gemäldes „Der Knochensack“ das Wirken der „Festung Europa“ in Flughafen-Piktogrammen: eine flüchtende Familie, ein EU-Sternenkranz und „Stillgestanden“ vor einem fotografierenden Grenzbeamten.
„Man kann halbe Stunden vor jedem dieser Bilder verbringen“, meint Arno Apel – und vielleicht auch ganze, wenn Wolf Hamm dazu die Details erläutert. Die Arbeit von Wochen und bis zu drei Monaten steckt in jedem seiner Großformate. „Ich wechsel dann immer wieder zur Grafik: Manchmal ist es gut, die harte Linie zu haben.“
In Prof. Wolfgang Schmitz an der Bremer Hochschule hatte Wolf Hamm einen der virtuosesten Zeichenkünstler des Landes als Lehrer. Bei Schmitz ist es die Verbindung von Schrift und Bild, die fasziniert, bei seinem Schüler erzählt das gekonnte Miteinander vieler Stile und Sujets.
Das Erzählerische seiner Kunst ist Wolf Hamm wichtig – ebenso wie die Titel seiner Blätter und Gemälde. „Dieses ewige Nicht-Betiteln finde ich ganz furchtbar.“ Dafür ist seine Kunst zu positiv gestimmt; dafür hat er in seinem Berliner Atelier sogar eine Titel-Sammlung. Die Ausstellung im Kutscherhaus heißt übrigens „Die Welt ist keine Scheibe“. Dr. Torsten Rademacher, politischer Referent für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Bundestag, wird sie am Samstag, 3. Dezember, um 18 Uhr eröffnen. Außerdem bietet der Kunstverein die Edition einer Radierung in 15er Auflage. Ihr Titel: „Die Gedanken sind frei.“
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