Stadt Marl hat sich beim Derivatehandel verzockt
13.03.2010 | 16:31 Uhr 2010-03-13T16:31:00+0100
Marl. Kein Geld in der Kasse und dann auch noch Pech beim Glücksspiel mit Derivaten: Die Stadt Marl drücken Kredite von 290 Millionen Euro. Und beim Zocken im internationalen Geldgeschäft muss sie in diesem Jahr fast 4,7 Millionen Euro draufzahlen.
Kaum ein Politiker hat in dem Wust von fast 1000 Seiten Haushaltsplanentwurf für 2009 die Seite mit den Derivatgeschäften analysiert. Da ist von Flexi-Swap die Rede, von 6-M-Euribor, von kündbarem Fixzinszahler-Swap und CHF-Optionen. Hinter den 26 Positionen verbirgt sich eine kleine Finanzkatastrophe. Marl hat gute 115 Millionen in Derivatgeschäfte gesteckt. Die Stadt verpflichtet sich dabei unter anderem, 5,45 Prozent Zinsen zu zahlen, bekommt aber nach aktuellem Stand nicht einmal ein Prozent ausgezahlt. Macht alles zusammen fast 4,7 Millionen Euro an Zinsen, die die Stadt zu zahlen hat.
Das Unglück nahm vor sechs Jahren seinen Lauf. Damals sprach die West LB die Städte (auch des Kreises Recklinghausen) an: Mit einem Zinsmanagement könnten die Städte weniger Zinsen zahlen und sogar am internationalen Geldgeschäft verdienen. Marl stieg ein, es gab erste Zahlungen, die West LB als Berater bekam daraus bereits 380 000 Euro. Seit 2008 ruht der Vertrag. Denn die Welt entwickelte sich anders als Marl es erwartet hatte. Verträge bis zum 15. Juni 2039 wurden abgeschlossen in der Erwartung steigender Zinsen (über 5,45 % hinaus). Das Gegenteil trat ein. Vor zwei Jahren fiel fachkundigen Politikern auf, dass sich im Haushalt der Stadt Marl keinerlei Hinweis auf die Finanzgeschäfte gab.
Wieso müssen die Politiker über 300-Euro-Zuschüsse an Vereine entscheiden, erfahren aber nichts über risikoreiche 40-Millionen-Kredite? „Ein Geschäft der laufenden Verwaltung”, wiegelte die damalige Bürgermeisterin Uta Heinrich (parteilos) ab. Dann ließ sie sich die Geschäfte im Nachhinein genehmigen. Heute bedauern Politiker hinter vorgehaltener Hand bereits ihre Zustimmung. Denn die 4,7 Millionen drücken ganz schön angesichts von insgesamt rund 12 Millionen Euro Zinsen, die jährlich zu zahlen sind.
Ungläubig blicken sie in die Nachbarstadt Dorsten, die stolz einen umfangreichen Bericht über ihre Geldgeschäfte vorgelegt hat. Einige Geschäfte (wie sie in Marl laufen) laufen Mitte des Jahres aus – zu risikoreich. Aber Geschäfte mit dem Schweizer Franken haben alleine ein schönes Plus von fast einer Million gebracht, Forward-Zahler-Swaps entwickeln sich erfreulich. Kämmerer Wolfgang Quallo kündigte dem Dorstener Rat an, man werde weiter machen.
Marls Kämmerer Dr. Michael Gläseker würde sich am liebsten aus dem Risikogeschäft verabschieden, so wie es die meisten Kreisstädte schon gemacht haben. Aber es würde ein teurer Abschied. Stattdessen hofft Marl auf steigende Zinsen, um den Verlust zu dämpfen.
Das Problem: Wenn die Zinsen steigen, dann muss Marl auch an anderer Stelle mehr für seine Kredite zahlen. Egal ob die Zinsen steigen oder fallen: Marl ist immer der Dumme.
09:29
Den Bürge(r)n 4,7 Mio Euro stehlen?
Dafür gehören die dreisten Diebe
und Zocker auf die Guillotine, auch wenn sie sich schon nicht mehr im Amt befinden.
Wir sind das Volk!
Wir brauchen eine französiche Revolution!
14:32
Da lassen sich einfältige Beamten
von dreimal-chemisch gereinigten
Kredithaien locker über Tisch ziehen.
Deshalb Finger weg von solchen Geschäften
wen man keine Ahnung hat.
13:53
Bei der Betrachtung der Geschäfte in Derivaten durch die Kommunen muss man aus Fairness etwas weiter ausholen.
Vorbild und Auslöser war Mitte der 90er Jahre kein geringerer als der damalige Finanzminister Theo Weigel, der im Namen der Bundesrepublik das erste Zinsderivat in Form eines Zinsswaps abschloss. Er zahlte mehrere Jahre regelmäßig den damals niedrigen variablen Kurzfristzins und erhielt dafür den hohen festen Langfristzins. Er spülte damit viel Geld in die Staatskasse, verbunden allerdings mit dem Risiko, dass der variable Zins den festen Langfristzins übersteigt.
Die WestLB hat dieses Geschäft damals auf dem Städtetag in Düsseldorf vorgestellt und alle Kämmerer hatten sofort die Aufgabe nach Möglichkeiten zu suchen, dies auch für die eigene Gemeinde zu nutzen.
Es dauerte dann nicht lange, bis auch andere Derivate zum Einsatz kamen.
Beliebt waren die sog. Cross-Currency-Swaps in Schweizer Franken. Viele Kommunen konnten so ihre Kassenkredite praktisch zu fast 0 % Zinsen finanzieren, verbunden allerdings mit dem Währungsrisiko Schweizer Franken zur DM. Dies wurde auch im großen Maßstab praktiziert und führte zunächst zu einer deutlichen Reduzierung der Zinslast.
Die WestLB tingelte dann über die Dörfer und bot den Kommunen ein sog. Schuldenmanagement an, in dem dann auch in Absprache mit den Kommunen weitere wesentlich riskantere Derivate mit Hebelwirkung Einzug hielten.
Die WestLB ließ sich dieses Schuldenmanagement sündhaft teuer bezahlen und erhielt in den Verträgen sogar noch eine satte Beteiligung an positive Ergebnisse, während negative Ergebnisse von der Kommune allein getragen werden mussten.
Die Kommunen standen jetzt nicht nur vor der Entscheidung, das sündhaft teure Angebot der WestLB anzunehmen oder selbst das Management durchzuführen, sondern sie waren plötzlich Gefangene des Systems.
Die Möglichkeiten der Derivate grundsätzlich nicht zu nutzen war gleichbedeutend mit Unfähigkeit und Unprofessionalität und bei den anfänglichen Erfolgen rutschen die Risiken natürlich in die hintere Ecke des Bewusstseins.
So wurden entweder in Eigenregie oder im Rahmen des Schuldenmanagements der WestLB munter Derivate abgeschlossen, die natürlich zunächst in der Regel sehr lukrativ waren. Im Laufe der Zeit durch die Veränderungen in der internationalen Zinslandschaft und letztlich durch den Kollaps des Finanzmarktes 2001 und 2008 kamen die Risiken in diesen Geschäften voll zum tragen und kosten nun den Kommunen viele Millionen.
Ein systematisches Problem liegt auch darin, dass die Kommunen bei den Finanzen immer nur das laufende Geschäftsjahr im Auge haben und der buchhalterische Begriff der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) seinerzeit überhaupt nicht bekannt war.
Letztlich gehört also zu einer objektiven Beurteilung schon auch die Beachtung von Sachzwängen und der positiven Ergebnisse dieses Handelns. Das nützt uns heute zwar wenig, erklärt aber doch manches.
13:28
Tja da hat die Möchtegern Elite wieder versagt, aber ist ja nicht eurer eigenes Geld! Mein Gott was sind das alles für Versager und Selbstdarsteller in der Politik!
13:15
Man sollte die Zocker zum Teufel jagen !
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09:47
Moin, Moin,
Kredite von 290 Millionen Euro ???
Ich sach ma so:
Da rechnet die verbotene Stadt mit ihren 240 mio. ooh noch wirtschaftlich....
00:17
Kommunaler Casino-Kapitalismus
Zocken wie in Hinterzimmer.
22:18
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19:19
Macht nichts, dann werden halt ein paar Gebühren erhöht und die Politessen zum Ausstellen von noch mehr Knöllchen gedrängt, und schon ist das Geld wieder drin.
Ach so, den Leuten, die das Geld verzockt haben, den passiert nartürlich (wie immer) NICKES...
13:24
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