Sonderpädagogin fordert integrativen Unterricht
08.03.2010 | 19:09 Uhr 2010-03-08T19:09:00+0100
Haltern am See. 2007 in Deutschland bemängelte UN-Menschenrechtsinspektor Vernor Muñoz, dass sich das dreigliedrige Schulsystem auf arme Kinder und Migrantenkinder sowie Kinder mit Behinderungen negativ auswirkt. Nun kommt er nach Mülheim. Mit ihm diskutieren wird die Halternerin Magdalene Meier.
Am Donnerstag ist die Sonderpädagogin eine von mehreren Lehrern und Bildungspolitikern, die sich mit dem costaricanischen Rechtsanwalt auseinandersetzen können. Vorab sprach sie mit WAZ-Mitarbeiterin Irene Stock.
Sind Sie der verlängerte Arm von UN-Kommissar Muñoz in Deutschland?
Meier: Was die Unterstützung seiner Forderung angeht, sicherlich ja. Aber bezogen auf meine berufliche Tätigkeit befinde ich mich noch auf dem Weg dorthin. Ich unterrichte in einer integrativen Klasse. Dort sitzen insgesamt 23 Kinder, davon acht mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Wir gehen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes so ein, dass sowohl der Begabte wie auch der Lernschwache sein individuelles Lerntempo verfolgen kann. Die lern- und geistig behinderten Kinder bekommen individuelle Unterstützung im Unterricht und/oder Förderunterricht in der Kleingruppe. Viele Unterrichtsstunden sind mit Fachlehrer und Sonderpädagoge doppelt besetzt. Außerdem unterstützen Zivis die Betreuung einzelner Schüler. Einige Schüler haben auch einen persönlichen Integrationshelfer an ihrer Seite.
Würden diese Kinder nicht besser an einer Sonderschule gefördert?
Nein. Diese Kinder fühlen sich als Teil der Klassengemeinschaft, lernen etwa viel von ihren Mitschülern. In der Förderschule wird der Lernstoff oft grundsätzlich vorab reduziert. Das kann sich negativ auf die Lernfortschritte auswirken. Im Gemeinsamen Unterricht können wir flexibler den Stärken und Schwächen der Schüler gerecht werden.
Also brauchen wir keine Sonderpädagogen?
Natürlich brauchen wir die, aber keine Sonderschulen. Wir haben in Deutschland acht offiziell definierte Behinderungsarten. Für jede gibt es eine eigene Schulform. Manche Kinder fahren täglich bis zu anderthalb Stunden zu ihrer Schule. In Deutschland werden 85 Prozent aller Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Förderschulen unterrichtet. Das ist deutlich mehr als in allen anderen Ländern.
Aber ist es nicht illusorisch zu sagen, diese Kinder schaffen durch die Integration einen höheren Schulabschluss?
Natürlich ist es unlauter zu sagen, dass Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Lernen” oder „Geistige Entwicklung”, die eine Regelschule besuchen, damit auch sicher die Regelabschlüsse erreichen. Trotzdem ist das gemeinsame Lernen für alle gewinnbringend. Schüler mit Lernbehinderungen empfinden es oft als Makel, die Förderschule zu besuchen – und sie schämen sich dafür.
Und die gesunden Schüler?
Magdalena Meier, Sonderpädagogin
Magdalene Meier (54) aus Haltern am See ist Lehrerin für Sonderpädagogik und unterrichtet seit 14 Jahren integrativ an der Gesamtschule Wulfen. Vorher hat sie elf Jahre an einer Schule für Lernbehinderte in Gelsenkirchen-Schalke gearbeitet. Seit zehn Jahren ist sie eine von zwei Moderatorinnen für den Gemeinsamen Unterricht im Regierungsbezirk Münster und bereist entsprechende Schulen.
20 Schulen im Regierungsbezirk Münster arbeiten inzwischen mit integrativem Unterricht. Weil sie mit der bisherigen Entwicklung in NRW unzufrieden ist, engagiert sie sich als Mitglied der Grünen in der Schulpolitik.
Vom gemeinsamen Lernen profitieren auch die. Entgegen vielen Vorurteilen belegen zahlreiche Untersuchungen seit langem, dass Schüler mit Behinderungen im Unterricht den Lernfluss der Klasse nicht stören, sondern im Gegenteil das Leistungsniveau heben und das Verständnis füreinander fördern.
Wäre UN-Kommissar Muñoz mit der Schule, an der Sie arbeiten, zufrieden?
Zufrieden vielleicht, aber der integrative Unterricht dort ist nicht deckungsgleich mit dem, was er fordert. Wir haben in jedem Jahrgang eine Integrationsklasse für eine begrenzte Zahl von behinderten Schülern. Muñoz fordert ein Schulsystem, in dem alle Kinder das Recht haben, am allgemeinen Unterricht teilzunehmen, wenn möglich dort zur Schule gehen, wo sie wohnen. Jede Schule soll sich nach dem Bedarf richten, also für alle Schüler den Unterricht und die Förderangebote zur Verfügung stellen, die die Kinder brauchen. Das heißt auch, dass alle Lehrer alle Kinder unterrichten - auch die mit sonderpädagogischem Förderbedarf.
Was fordern Sie?
Ein längeres gemeinsames Lernen. Das gilt im übrigen nicht nur für Schüler mit Behinderungen. In Deutschland haben wir ein Schulsystem, in dem nach der vierten Klasse selektiert wird. Das System setzt Eltern und Kinder unter Druck. Diese erfahren schon im Alter von acht, neun Jahren, dass sie nur Chancen in dieser Gesellschaft haben, wenn sie zum Gymnasium gehen. Das Schulsystem muss durchlässiger werden, um die Chancen von allen Kindern zu vergrößern.
0mitdiskutieren